"Unsere Aufgabe ist noch längst nicht erledigt"
Interview mit Marianne Birthler, der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen – Akten als Gegenmittel gegen Verharmlosung der DDR
Ist die Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit gelungen? Mit der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler, sprach Christian Kerl.
Frau Birthler, 20 Jahre nach dem Sturm auf die Stasi-Zentrale: Welche Bedeutung hatte dieses Ereignis?
Es war Schlusspunkt in einer Reihe von Stasi-Besetzungen in den Bezirksstädten in den Wochen zuvor, die noch mit großem persönlichen Risiko verbunden waren. Die Besetzung der Berliner Zentrale wurde aber in ganz Deutschland und international stärker wahrgenommen. Die Bilder, wie eine Menschenmenge durchs Stasi-Gebäude zieht, wie Möbel und Papiere aus dem Fenster fliegen, machten endgültig klar: Die Geheimpolizei hat keine Macht mehr. Das war ein wichtiges Signal, damit war ein Punkt der Unumkehrbarkeit erreicht.
Der Umgang mit den Akten war danach erst sehr umstritten – die Bürgerkomitees berieten, ob man die Unterlagen nicht besser vernichtet...
Ja, einige sagten, die Akten machen uns nur unglücklich. Bärbel Bohley schlug vor, jeder solle seine Akte mit nach Hause nehmen. Die Willensbildung, die Unterlagen aufzubewahren und für die Betroffenen zu erschließen, brauchte ihre Zeit. Aber am Ende gab es für diesen Weg eine große Mehrheit, auch in der ersten freigewählten Volkskammer.
Wäre die Entscheidung anders ausgefallen – wo stünden wir heute?
Viele Menschen hätten nicht oder sehr viel später nach ihrer eigenen Geschichte gefragt. Ihnen hätten die Beweise für geschehenes Unrecht gefehlt. Und wir hätten den Geschichtsmythen und den Verfälschungen der Vergangenheit wenig entgegenzusetzen: Ich kann nur immer wieder den Kopf schütteln, welche Legenden heute wieder über die DDR verbreitet werden. Es wird nachträglich idealisiert und verharmlost – da haben wir mit den Akten ein sehr wirksames Gegenmittel.
Ist die Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit gelungen?
Aufarbeitung ist ein langwieriger Prozess. Wenn ich unsere Arbeit vergleiche mit der anderer Staaten, die Diktaturen überwunden haben, können wir ganz froh sein – die Opfer haben Aktenzugang, es gibt eine umfangreiche Forschung. Aber wenn ich Umfragen sehe, in denen Menschen das Leben in einer Diktatur wie der DDR positiv bewerten, bin ich zurückhaltend in der Bilanz. Es gibt also keinen Grund, sich zufrieden zurückzulehnen – aber auch nicht zum Verzagen.
Sie persönlich haben über Jahre mit diesen Stasi-Altlasten zu tun, schauen in menschliche Abgründe – belastet das nicht sehr?
Ja, es belastet mich oft. Etwa wenn ich mit Opfern von Zersetzungsmaßnahmen spreche, bei denen die Stasi versuchte, durch perfide geplante Manipulationen im beruflichen und familiären Bereich den Lebenslauf gezielt zu beeinträchtigen. Die Geschichten, was Menschen Menschen antun, sind bedrückend. Aber die Akten erzählen ja auch eine andere Seite – dass Menschen mutig waren, Widerstand geleistet haben, anständig und aufrecht geblieben sind. Sie erzählen auch, dass Menschen immer Entscheidungsspielräume haben, dass es nicht stimmt zu sagen: Ich hatte keine Alternative. Das ist ein Erfahrungsschatz, den wir bewahren müssen.
Wie viele Stasi-Mitarbeiter hat es eigentlich im Westen gegeben – und wie viele sind noch nicht enttarnt?
Diese Fragen sind seit Jahren ein Schwerpunkt unserer Forschung. Unsere Wissenschaftler gehen davon, dass es etwa 3000 Stasi-Mitarbeitern im Westen gab; der Großteil von ihnen ist allerdings enttarnt.
Wie lange wird es Ihre Behörde noch geben?
Da bin ich vorsichtig. Anfangs hieß es ja, die Behörde werde 10, 15 Jahre arbeiten. Aber auch noch nach 20 Jahren ist das Interesse ungebrochen. Allein im vergangenen Jahr haben mehr als 100 000 Menschen Einsicht in ihre Stasi-Akte beantragt. Unsere Aufgabe ist noch längst nicht erledigt, wir werden noch geraume Zeit gebraucht.
Dennoch gibt es ja den Ruf nach einem Ende der DDR-Vergangenheitsaufarbeitung – und Forderungen nach Versöhnung, wie jetzt von Brandenburgs Ministerpräsident Platzeck..
Vergangenheitsaufarbeitung und Versöhnung schließen sich nicht aus, im Gegenteil: Versöhnung setzt Wahrheit voraus. Erst müssen die Karten auf den Tisch, dann erst ist Vergebung möglich. In vielen Fällen hat Versöhnung auch stattgefunden. Aber versöhnen kann man sich nur mit Menschen, nicht mit einer Partei.













