Ein Buch zum Andenken an jene, die einsam gestorben sind
Ein Propst und ein Bestatter erzählen vom Trauern, von Gleichgültigkeit und von anonymen Gräbern
"Du fehlst."
Zwei Worte auf einem kleinen Grabstein. Ein ganzes Leben. Auf dem Braunschweiger Hauptfriedhof begegnet man unzähligen Geschichten des Lebens.
Sie blinzeln zwischen den Geburts- und Sterbedaten des Mannes hervor, der fast hundert Jahre alt geworden ist. Sie drehen sich als gelbes Windrädchen neben Efeu und Narzissen. Sie sind in Stein gehauen, wie das Motorrad oder das Schiff mit den aufgeblähten Segeln. Und die Geschichten hängen auch an dem verwitterten Klappstuhl, der neben der Rückseite eines Grabsteins lehnt.
Auf dem Hauptfriedhof begegnet man aber auch dem Vergessen. Es macht sich breit, wenn weder Angehörige noch Freunde einen Verstorbenen begleiten.
"Manche sehen Bestattung als notwendiges Übel"
Propst Thomas Hofer schätzt, dass inzwischen fast jede zehnte Bestattung so abläuft: keine Trauerfeier, keine Musik, kein Wort, keine Freunde und Angehörigen, anonymes Gräberfeld. "Es gibt viele Gründe dafür, weshalb Menschen nicht an einer Bestattung teilnehmen", sagt Hofer. "Einerseits sicher Hilflosigkeit, Angst und Ohnmacht. Andererseits aber auch Gleichgültigkeit. Die Selbstverständlichkeit von religiösen Bezügen und des Trauerns geht verloren. Der Tod stört, weil er den Alltag unterbricht."
Hofer deutet diese Entwicklung als Zeichen einer Wegwerfgesellschaft. "Das gilt natürlich nicht grundsätzlich, aber es ist eine Tendenz. Wenn man die Toten nicht mehr würdigt, geht das zu Lasten des Lebens."
Auch Bestatter sprechen von einem Wandel in der Trauer- und Bestattungskultur, der nicht allein auf finanzielle Not zurückzuführen sei. Lothar Müller, Bestattungsunternehmer aus Braunschweig und Vorstandsmitglied des niedersächsischen Bestatterverbands, ist seit vierzig Jahren im Geschäft. Er hat das Gefühl, dass Hinterbliebene heute teilweise nüchterner reagieren als zu seiner Ausbildungszeit. "Mitunter wird Verstorbenen wenig Achtung entgegengebracht und die Bestattung als notwendiges Übel angesehen", sagt Müller. "Ich frage mich manchmal, woher diese Entsorgungsmentalität kommt."
"Wir wollen ihre Würde und Einmaligkeit bewahren"
Wenn Verstorbene keine Angehörigen haben, kümmert er sich darum, dass entweder der zuständige Gemeindepfarrer oder ein ehrenamtlicher Mitarbeiter des Hospizes die Bestattung begleitet.
Auch die Propstei zieht immer einen Pfarrer hinzu, falls sonst niemand kommt. Außerdem findet einmal im Jahr ein ökumenischer Gottesdienst für Unbedachte statt für jene Menschen, die oft schon vor ihrem Tod einsam waren und auch einsam bestattet wurden.
"Wir nennen die Namen der Verstorbenen und tragen sie in ein Buch ein, das in der Petrikirche ausliegt", sagt Thomas Hofer. "Auf diese Weise sollen ihre Einmaligkeit und ihre Würde über den Tod hinaus bewahrt werden. Wir erleben es hin und wieder, dass Menschen in diesem Buch blättern."
Hofer denkt auch an die Menschen, die eine anonyme Bestattung auf einem Gräberfeld oder einem Urnenhain wünschen die günstigste Variante, bei der aber nichts einen Hinweis auf den Verstorbenen gibt. "Viele entscheiden sich für eine anonyme Bestattung, weil dann keine Grabpflege notwendig ist. Sie wollen ihre Angehörigen, die oft weiter entfernt leben, nicht damit belasten", sagt Hofer. "Es gibt aber pflegefreie Grabstätten mit einer Namensplatte oder einer Inschrift, die kaum teurer sind als eine anonyme Bestattung. Sie sind nur zu wenig bekannt."
Er weiß, dass viele Hinterbliebene nur schwer damit klar kommen, wenn sie keine genaue Anlaufstelle für ihre Trauer und das Gedenken haben. Manche lassen Urnen deswegen auch umbetten vom namenlosen Grab auf der Wiese in eine Grabstätte, die dem Toten wieder eine Geschichte gibt.













