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14. Februar 2012
2-Tage-Vorschau

Mädchen, Senioren, Busfahrer – sie alle können einschreiten

Projekte in der Region zeigen: Selbstbewusstsein ist der Schlüssel zu Zivilcourage – Polizei mischt überall mit

Von Uwe Hildebrandt

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Der heutige landesweite "Aktionstag für Zivilcourage und gegen Gewalt" soll Initiativen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen vorstellen. In unserer Region gibt es bereits spannende Projekte, die wir besucht haben.

So lange nichts passiert, möchte jeder gerne helfen. Doch in brenzligen Situationen fehlt vielen dann der Mut, etwas zu unternehmen. Zu überraschend kommt die Notlage von Mitmenschen, zu groß ist die Ratlosigkeit. Doch auch wenn keiner weiß, was Schlimmes passieren wird – auf seinen ganz persönlichen Hilfseinsatz kann man sich vorbereiten.

Ein Instrumentarium für die Unterstützung von Menschen in Not wird heute beim landesweiten "Aktionstag für Zivilcourage und gegen Gewalt" Tausenden von Niedersachsen vermittelt. Die Aktionen machen deutlich, dass man keineswegs ein sportlicher Typ sein muss, um anderen helfen zu können. Auch körperlich nicht mehr so fitte Senioren können viel bewirken. Denn bei einer gekonnten Konfliktschlichtung fliegen sowieso keine Fäuste.

Eine Auswahl spannender Projekte aus unserer Region:

Busbegleiterinnen in Wolfsburg 

"Wenn alle in den Bus reinstürmen und einer hinfällt, dann sorgen wir dafür, dass die anderen aufpassen und nicht auf ihn drauftreten", sagt Patricia Stange (14). Zusammen mit anderen Schülern des Wolfsburger Theodor-Heuss-Gymnasiums hat sie sich von der Polizei und den Verkehrsbetrieben zur Schulbusbegleiterin ausbilden lassen. Am Freitag schaute sie zusammen mit ihren "Kolleginnen" Marlien Jannsen (14), Miriam Roeloffs (13), Janina Kloß (14) und Lisa Gericke (13) in den morgens und mittags überfüllten Bussen nach dem Rechten.

"Man darf nicht hinterrücks einschreiten, sondern muss die Schüler direkt und klar ansprechen", erzählt Janina. Damit sich die Mädchen in brenzligen Situationen überwinden können, die Randalierer anzusprechen, haben sie erstmal ihr Selbstvertrauen gestärkt. Der Lehrer und Schulmediator Stefan Gernert trainierte mit den Mädchen in Rollenspielen, was auf sie auch ganz real in Schulbussen zukommt: Schüler malen Bänke an, bedrohen andere verbal oder mit den Fäusten, hindern sie am Aussteigen.

"Der Busfahrer kann gar nicht sehen, was hinten alles passiert. Wir informieren ihn dann", erklärt Janina. Ihre Fäuste setzen die Schulbusbegleiter bei den Einsätzen nicht ein. Sie sind erfolgreich, indem sie zwischen den Streitparteien vermitteln. "Es ist wichtig, richtig laut zu sprechen", erklärt Lisa. Natürlich würden größere Jungs oft erstmal gegenan diskutieren, sagt Patricia: "Aber dann geben sie klein bei."

Boxtraining in Braunschweig 

"Wenn man Boxen kann, dann fühlt man sich viel sicherer. Man hat das Gefühl, dass man sich in gefährlichen Situationen wehren kann", sagt Jessica Stahl von der Wilhelm-Bracke-Gesamtschule in Braunschweig. Die Gewaltbereitschaft fördere das Boxen nicht, sagt die 16-Jährige: "Wer Boxen als Sport betreibt, der boxt doch nicht auf der Straße."

Jessica und ihre Freundin Katarina Davydenko (15) fahren mit dem Bus einmal pro Woche durch die ganze Stadt, um an dem Training des Box-Clubs 72 teilzunehmen. Eingefädelt hat das Angebot Polizeihauptkommissar Henning Pülm in seiner Funktion als Geschäftsführer des regionalen Gewaltpräventions-Programms "Alternative Sport".

"Auch beim Boxen erlernt man soziale Kompetenzen", sagt Pülm, "die Schüler entwickeln Respekt vor dem anderen und halten sich an Regeln." Gegeneinander kämpfen sie derzeit sowieso noch nicht. Sie bearbeiten Sandsäcke, toben sich richtig aus, bauen Aggressionen ab, halten sich körperlich fit.

Das Hauptziel ist aber auch hier: Schüler entwickeln Selbstvertrauen, die entscheidende Voraussetzung für Zivilcourage. Katarina: "Ich könnte nicht einfach weggehen, wenn jemandem etwas passiert." Auf jeden Fall würde sie Hilfe rufen.

Seniorenschulung in Gifhorn 

Zivilcourage fängt bei Klaus Droske nicht erst an, wenn es um Leben und Tod geht. Der 72-Jährige ist Vorsitzender des Gifhorner Seniorenbeirates, das Thema bewegt ihn. "Ältere Leute nicken oft mit dem Kopf, wenn der Arzt etwas auf Lateinisch sagt. Und ihrem Partner können sie dann zu Hause gar nicht erklären, was sie haben." Zivilcourage fängt für Droske schon an, wenn es darum geht, die Auskünfte in Behörden, Banken oder Arztpraxen zu hinterfragen. "Oder wenn ein Staubsaugervertreter unheimlich lange bei der Nachbarin verweilt, dann kann man rübergehen und fragen, ob alles in Ordnung ist."

Die Verdi-Senioren und andere Senioren besuchen heute die Gifhorner Polizei, um mit den Beamten über Zivilcourage zu sprechen und Wünsche zu äußern. "Es wäre zum Beispiel gut, wenn die Polizei in der Fußgängerzone präsenter wäre", sagt Droske, "dann würden sich die Älteren dort sicherer fühlen."

Selbst alte Menschen, die sich nur noch mit dem Rollator fortbewegen, können übrigens bei Prügeleien Hilfe leisten, so Droske: "Ein Senior wie ich sollte nicht gegen drei Schläger vorgehen. Aber er kann die 110 wählen und laut rufen, andere auf die Situation aufmerksam machen."

Busfahrer der Region greifen ein 

"Es geht darum, bei Streitigkeiten in Bussen die Beteiligten zu beruhigen und im Zweifelsfall zusammen mit Fahrgästen auch einzugreifen", sagt Christopher Graffam, der Sprecher der Braunschweiger Verkehrs AG. Verkehrsbetriebe der Region starten heute ein spezielles Schulungsprogramm für Zivilcourage und Gewaltprävention. Graffam: "Ausgewählte Mitarbeiter werden von der Polizei geschult. Und diese trainieren dann mit Busfahrern in Rollenspielen die Deeskalation in Konfliktsituationen."

An der Aktion beteiligen sich der Großraumverband, die Polizeidirektion Braunschweig sowie die Verkehrsbetriebe Schmidt (Wolfenbüttel), die Wolfsburger-Verkehrs-GmbH, die RBB Südniedersachsenbus, die Kraftverkehrsgesellschaft Braunschweig und die Verkehrsgesellschaft Gifhorn.

"Auch ein Busfahrer darf nicht wegsehen, wenn etwas passiert, muss er Zivilcourage zeigen", sagt Graffam. Eine Braunschweiger Fahrerin habe das kürzlich vorbildlich getan, als ein Fahrgast andere bedrohte. Bei der Schlichtung in Bussen ist laut Graffam das gemeinsame Vorgehen von Fahrer und Fahrgästen entscheidend: "Keiner soll den Helden spielen!"

 

FAKTEN:

Menschen aus der Region, die halfen – eine Auswahl

Von Beate Hornack

2010 

27. Januar , Braunschweig: Zwei 17-Jährige halten Taschendiebin fest, die eine 65-Jährige beklaut hatte.

2009 

16. Dezember , Fallersleben: Überfall auf gehbehinderte Rentnerin – Passanten stellen den Flüchtigen.

20. November , Meinersen: Zwei Frauen verhindern, dass 54-Jährige mit 2,3 Promille Auto fährt.

11. November , Peine: Ehepaar rettet Mann, der sich das Leben nehmen will.

9. November , Vechelde: Busbrand auf der A2, zwei Vechelder retten Insassen.

13. Juni , Wolfenbüttel: 20-Jähriger rettet Selbstmörder. Schladen: 42-Jähriger zieht Betrunkenen aus der Oker. Wolfenbüttel: Drei Frauen verfolgen und stellen einen Dieb.

26. März , Wolfsburg: LKW-Fahrer rettet 24-Jährige aus Autowrack.

2008 

13. Dezember, Wolfenbüttel : 33-Jähriger stellt Gewalttäter.

2. September , Wolfenbüttel: 27-Jähriger rettet Kind vor dem Ertrinken.

14. Mai , Liebenburg: 52-Jähriger will bei Volksfest Sachbeschädigung verhindern und wird selbst Opfer.

12. April , Wolfenbüttel: Schwimmmeister stellt jugendliche Randalierer / Mann stellt Graffiti-Sprüher / Frau verhindert Diebstahl in Fahrschule.

4. April , Vorsfelde: 54-Jährige und 19-Jährige verfolgen Ladendieb.

Montag, 15.03.2010
Quelle: http://www.newsclick.de/index.jsp/artid/11922450/menuid/472005

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