Der neue Star zahlt Lehrgeld
Der Aufstieg Aygül Özkans zur Sozialministerin in Niedersachsen irritiert die CDU-Fraktion, sogar ohne den Kruzifix-Streit
Die Aufsteigerin musste Buße tun. Ganz unten im Landtag, wo wegen Umbauarbeiten im Parlament die CDU-Landtagsfraktion tagte, trat Aygül Özkan gestern vor das Mikrofon.
Sie sei missverstanden worden, es sei nicht ihr Ziel, Kruzifixe in niedersächsischen Schulen abzuschaffen, versicherte die designierte Sozialministerin Niedersachsens vor jenen CDU-Abgeordneten, die heute im Landtag ihre Ernennung absegnen sollen.
"Wenn die designierte Sozialministerin sich gegen den Verbleib von Kreuzen in Schulen ausspricht, ist sie für dieses wichtige Amt für mich nicht wählbar", hatte der Abgeordnete Clemens Große Macke aus Addrup im Wahlkreis Cloppenburg gedroht.
Dass die "Kruzifix-Krise" hohe Wellen schlägt, ist kein Zufall. Seit Niedersachsens Regierungschef Christian Wulff (CDU) die Tochter türkischer Einwanderer und Muslimin aus Hamburg zur künftigen Sozialministerin von Niedersachsen ausrief, wird die 38-jährige wie ein Popstar umlagert. "Politische Revolution in Deutschland", schrieb die türkische Zeitung "Sabah".
Im Landtag feierten enthusiastische türkische Reporter Wulff und Özkan und stellten sich zum Foto gleich noch selbst mit aufs Bild. Strahlend über den Mediencoup berichtete Wulff, wie ihm Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust die junge Unternehmerin und Politikerin ans Herz gelegt hatte.
Aufgefallen war sie schon vorher. "Aygül Özkan steht für Power und gesunde Unruhe. Es hätte mich persönlich enttäuscht, früher oder später nicht von ihr in der Zeitung zu lesen", zitierte die Frauenzeitschrift "myself" einen früheren Vorgesetzten der Überfliegerin. Als "Chefin der TNT-Postniederlassung Hamburg mit 500 Mitarbeitern" war Özkan in dem Beitrag gefeiert worden unter dem Motto "Wie angelt man sich einen Super-Job?"
Angesichts dieses Erfolgswegs fiel auch der SPD-Landtagsopposition in Niedersachsen das Meckern schwer: Der Braunschweiger Abgeordnete Klaus-Peter Bachmann, mit der Landesregierung im integrationspolitischen Dauerclinch, bot Özkan erfreut einen fairen Dialog an. Professionell posierte sie für Fotos auf den Stufen des Landtags. "Es gibt bisher rund 60 Interviewanfragen, wir müssen sehen, wie wir das alles geregelt kriegen", berichteten Mitarbeiter des Ministeriums schon nach wenigen Tagen stolz. "Schlimmer als bei von der Leyen", fühlten sich manche sofort an hochtourige Zeiten mit Ursula von der Leyen erinnert.
In ihrem Interview-Marathon zeigte sich Özkan ("Ich bin sehr kommunikativ, sehr offen, ich gehe gerne auf Menschen zu") zwar selbstbewusst, aber weder abgehoben noch eiferisch. Die Familie sei über ihre bevorstehende Ernennung stolz und aufgeregt, sie müsse nun erst einmal eine Wohnung in Hannover finden. Man brauche keine türkischen Schulen, sie sei für das Kopftuchverbot für Lehrerinnen, und auch Migranten müssten sich um die Integration bemühen. Mitarbeiter in Hamburg hänselten sie schon ein wenig wegen des Umzugs von Elbe und Alster an die Leine, erzählt sie später beim Foto-Shooting vor dem Landtag.
Dass der neue "Super-Job" anderen Regeln folgt als die Hamburger Bürgerschaft, hat die Juristin und Mutter eines siebenjährigen Sohnes nun noch vor ihrer Vereidigung deutlich zu spüren bekommen. "In Niedersachsen werden christliche Symbole, insbesondere Kreuze in den Schulen, seitens der Landesregierung im Sinne einer toleranten Erziehung auf Grundlage christlicher Werte begrüßt", pfiff der neue Chef Christian Wulff seine neue Vorzeige-Ministerin zurück.
Äußern durfte sich Özkan selbst gestern offenbar nicht mehr Anfragen wurden abgewiesen. Die CDU-Fraktion schob nach Özkans Bußgang noch eine Erklärung nach: Wulff, Özkan und Fraktionschef McAllister hätten deutlich gemacht, dass das niedersächsische Schulgesetz nicht geändert werde und Kreuze an niedersächsischen Schulen erwünscht seien. "Die über das Wochenende entstandenen Irritationen und Missverständnisse sind damit ausgeräumt."
Gewiss nicht bei allen. "Wer sich gegen das christliche Symbol des Kreuzes in unseren Schulen ausspricht, sollte sich zunächst mit der Rechtslage in Niedersachsen befassen", sagt der Salzgitteraner CDU-Politiker und frühere Landtagsabgeordnete Hermann Eppers. Im Schulgesetz sei die "Grundlage des Christentums" schließlich ausdrücklich festgeschrieben. "Da Frau Özkan demnächst ihren Amtseid auch auf dieses Gesetz ablegen wird, sollte sie in Zukunft mit derartigen Aktionen vorsichtiger sein", so Hermann Eppers.
Die Aufregung in der CDU sage nichts über die künftige Sozialministerin, aber viel über die "demokratische Rechte", lästert SPD-Landtagsfraktionschef Wolfgang Jüttner.
Die erste türkischstämmige Ministerin in Deutschland hat bereits Morddrohungen erhalten. Sie will sich davon nicht kleinkriegen lassen, und vom Kruzifix-Empörungssturm auch nicht.













