"Kreativ zu sein bedeutet Freiheit und Glück"
Julia Neigel spricht über Talentshows, verliebte Fans und ihre Art, mit allen Sinnen zu komponieren
Helen Taylor: Wirst du manchmal von männlichen Groupies verfolgt?
Ja, es gibt schon ab und zu Groupies, die einem bis ins Schlafzimmer folgen wollen. Übrigens nicht nur Männer, sondern auch Frauen. Aber mit einem Groupie im Bett landen – das gibt es bei mir nicht. Manchmal warten aber auch Fans hinter der Bühne, weil sie mit mir sprechen wollen. Oder sie verfolgen einen bis ins Hotel, schreiben Liebesbriefe...
Albert Hirsmüller: Ein jüngeres Publikum wächst heute mit Castingshows auf. Hast du als gestandene Künstlerin ein Problem, junge Leute anzusprechen, zumal du ja von 1998 bis 2006 eine Schaffenspause hattest?
Nein, gar nicht. Ich hatte zwar die Befürchtung, dass die Pause es mir schwer machen würde. Aber bei meiner Rock-Soul-Tour mit Edo Zanki sind richtig viele Kids vor der Bühne herumgesprungen.
Albert Hirsmüller: Und wie stehst du zu den ganzen Talentshows?
Ich finde, das ist musikalisches Fast Food. Man darf sich damit amüsieren. Aber Superstar wird man eben nicht in wenigen Wochen. Es reicht nicht, gut auszusehen und tanzen zu können. Man muss auch Songs schreiben können. Und ich glaube, das Publikum tendiert wieder zu handwerklich gut gemachter Musik von authentischen Künstlern, wo nicht zig Manager im Hintergrund die Fäden ziehen.
Meike Koester: Was würdest du einer jungen Sängerin wie Lena Meyer-Landrut am Beginn ihrer Karriere raten? Was hättest du selbst lieber anders gemacht?
Lena ist jetzt etwa so alt wie ich, als ich meinen ersten Plattenvertrag bekam. Ich bereue nichts, aber wenn ich noch einmal 17 wäre, würde ich mir mehr Wissen aneignen über Vertragsfragen und mir einen vertrauenswürdigen Anwalt nehmen. Es ist unheimlich leicht, ein 17-jähriges Mädchen über den Tisch zu ziehen – und Knebelverträge sind schädlich für die künstlerische Entfaltung.
Meike Koester: Gab es in deiner Karriere wichtige Berater?
Ja, meine Mutter ist meine engste Vertraute. Sie sagt mir immer grundehrlich ihre Meinung. Wir telefonieren fast jeden Tag – egal, wo ich bin. Aber einen Coach bei der Plattenfirma, wie man ihn heute für selbstverständlich hält, gab es früher noch nicht. Wie man Interviews meistert, vor der Kamera steht oder mit dem Publikum umgeht – das musste ich alles von der Pike auf lernen.
Helen Taylor: Inwieweit erfüllt deine Kunst dein Leben?
Mein Leben und meine Kunst sind nicht voneinander zu trennen. Der Moment, wenn man kreativ ist, gibt einem das Gefühl von Leichtigkeit, Freiheit und Glück. Das ist eine Erfülltheit, die man nicht einmal durch Liebe erreichen kann. Das Eintauchen in eine kreative Idee löst in meinem Kopf eine Synästhesie aus, so dass ich Töne höre und gleichzeitig Bilder und Farben sehe. Ich vergesse dabei alles um mich rum. So entsteht für mich Kunst. Und wenn man so etwas nur einmal erlebt hat, kann man das nicht mehr zurückdrehen.
Albert Hirsmüller: Wieso hast du dich Ende der Achtziger für deutschsprachige Rockmusik entschieden? Lindenberg, Maffay, Meinecke – viel mehr gab’s in der Richtung ja nicht.
Als ich mit 14 angefangen habe zu singen, habe ich versucht, die Intensität von Englisch singenden Künstlern wie Aretha Franklin zu erreichen. Zu der Zeit war ich wie ein Leistungssportler und habe mich nur im Interpretieren geübt. Aber irgendwann hat mir das nicht mehr genügt. Ich hatte das Gefühl, dass ich nur kopiere. Und was ich eigentlich zu erzählen habe, kann ich nicht auf Englisch ausdrücken. Als ich "Schatten an der Wand" geschrieben habe, floss der Text in 20 Minuten aufs Blatt – auf Deutsch. Am nächsten Morgen habe ich ihn meinen WG-Mitbewohnern vorgesungen und lag dabei vor Scham fast unter dem Tisch. Aber alle waren berührt und fanden das Lied toll. Danach habe ich nicht mehr darüber nachgedacht, in welcher Sprache ich singe.
Albert Hirsmüller: Hast du bei der "Sprachfrage" auch an den Erfolg gedacht?
Ich habe mir zu der Zeit überhaupt keine Gedanken über Plattenverkäufe gemacht. Ich hatte ja nicht mal einen Vertrag. Für mich ist Musik eine universelle Sprache. In meinem Akustik-Programm singe ich in fünf Sprachen, ohne darüber nachzudenken. Dass ich damals offenbar etwas Besonderes gemacht habe, ist mir erst klar geworden, als ich damit Erfolg hatte. Meine spezielle Art zu singen, gepaart mit der deutschen Sprache, das ist wohl das, was neu war.
Meike Köster: Mir hat an deiner Musik gefallen, dass sie sehr amerikanisch klang und nicht wie Neue Deutsche Welle oder Schlager.
Diese Entwicklungen von NDW bis Rio Reiser habe ich natürlich auch mitgekriegt. Aber ich war stärker von Soul und Blues beeinflusst. Ich nähere mich einem Lied über die Stimme. Anders als Herbert Grönemeyer, der zuerst seinen Text schreibt, ist bei mir zunächst die Melodie da. Erst kommt die Qualität des Singens und dann das Songschreiben.
Meike Koester: Mir ist aufgefallen, dass du bei deiner letzten Tour viele Lieder von anderen Künstlern gesungen hast. Was bewegt dich dazu?
Als ich 1998 mein letztes Album vor der Pause veröffentlicht habe, wollte ich erstmal gar nicht mehr singen. Aber nach zwei Jahren habe ich das nicht mehr ausgehalten. Ich habe dann in meinem Leben aufgeräumt – auch in wirtschaftlichen Fragen. Außerdem habe ich in dieser Zeit meine Stimme weiter ausgebildet, dadurch, dass ich Lieder gesungen habe, deren Idee nicht von mir stammte. Auf meinem nächsten Studioalbum wird es aber nur eigene Songs geben, die brettern wie früher.
Helen Taylor: Wie ist dein Verhältnis zu klassischer Musik?
Ich bin als Sechsjährige in die Musikschule geschickt worden und habe Blockflöte gelernt. Ich habe auch ein paar Musikwettbewerbe gewonnen. Mit 14 bin ich aber ausgestiegen aus der Klassik, weil man dort nicht improvisieren durfte. Notenlesen habe ich sofort verlernt, und ich kann auch gar kein anderes Instrument spielen.
Helen Taylor: Und wie komponierst du deine Lieder?
Wenn ich komponiere, mache ich alles über die Stimme, über die Gesangsmelodie. Um mit meinen Musikern ein Arrangement zu erarbeiten, singe ich ihnen vor. Ich beschreibe ihnen aber auch Bilder, Videos, Gerüche, weil diese Eindrücke für meine Art zu arbeiten wichtig sind.
Albert Hirsmüller: Du trittst in der Jakobi-Kirche auf. Mit Kirche verbindet man ja erst einmal Gospel. Reizt dich diese Musik auch?
Mich reizt eher die musikalische Vielfalt. Gospel interessiert mich nur, wenn er nicht puristisch ist. Genauso, wie mich Rock oder Blues nur interessieren, solange sie nicht puristisch sind. Wenn ein Stil etwas Platitüdenhaftes bekommt, wird er langweilig.
Meike Koester: Ich habe ein Video von deinem Gastauftritt mit Peter Maffay gesehen, wo du über eine große Bühne fegst. Fällt es dir schwer, bei kleinen Akustik-Konzerten eher stillsitzen zu müssen?
Ich brauche auf jeden Fall ein kabelloses Mikro. Und die Bühne sollte so groß wie möglich sein. Die Akustik-Konzerte, wo ich mich auch mal auf einen Barhocker setzen muss, sind aber interessant, weil sie mir eine neue Facette als Entertainerin abverlangen.
Meike Koester: Du hast früher Handball als Leistungssport betrieben. Wie hältst du dich heutzutage fit für deine Shows?
Ich nehme mir oft vor, joggen zu gehen oder zu reiten, aber meistens fehlt die Zeit. Ich habe ein Sportgerät in meinem Haus, das ich nur ganz selten benutze. Aber natürlich halten auch die Konzerte fit. Das ist schon eine Art Leistungssport.
Helen Taylor: Apropos Reiten – hast du deinen Andalusier-Hengst noch?
Nein, den habe ich verschenkt, leider. Weil Hengste so anhänglich sind, musste ich ihn weggeben, als ich wieder angefangen habe, mehr Konzerte zu geben. Ich besuche ihn ab und zu. Da wird man schon wehmütig. Aber es geht ihm gut auf seiner Wiese.
Albert Hirsmüller: Eine kurze Frage zum Schluss: Singst du "Schatten an der Wand" im aktuellen Programm?
Ja, klar. Aber man sollte mich nicht auf dieses eine Lied reduzieren. Es gibt wirklich mehr als das. Neue Lieder, alte Hits wie "Sehnsucht" und auch Coverversionen.













