Die Angst, der Nächste zu sein
Mafia-Jäger Roberto Scarpinato sprach in Wolfsburg über die Strukturen und Gefahren der "ehrenwerten Gesellschaft"
Er kommt. Roberto Scarpinato bewegt sich lautlos, geschmeidig. Sein Gang ist dennoch fest. Seine Augen kontrollieren dabei die Umgebung. Die Augen vieler hoch gewachsener, trainierter Männer sind derweil auf ihn gerichtet und auf den gesamten Vorraum im Wolfsburger Gewerkschaftshaus. Sie sind Polizisten, deutsche.
Roberto Scarpinato ist der bestbewachte Mann Italiens. Auch hier in Deutschland. Er ist einer der erfolgreichsten Mafia-Jäger in Palermo auf Sizilien, war einer der Ankläger im spektakulären Andreotti-Prozess.
Die Mafia ist sehr erfahren darin, Menschen zu töten, die ihr im Weg stehen. 1992 traf es innerhalb kurzer Zeit die Staatsanwälte Paolo Borsellini und Giovanni Falcone. Die Welt hielt den Atem an. Roberto Scarpinato auch. Er könnte der Nächste sein. Das weiß er. Damit lebt er. Wie, diese Frage beantwortet er uns nicht. In seine Augen treten sofort unterdrückte Tränen, seinen Mund umspielt ein gefrorenes, entschlossenes Lächeln. Eine, vielleicht zwei Sekunden lang zeigt er Gefühle. "Ja", sagt er fast unhörbar flüsternd. Es sei sehr schwer. Er hat sich daran gewöhnt, sich arrangiert.
Roberto Scarpinato ermittelt weiter. Tag für Tag, Stunde für Stunde, Minute für Minute entlarvt er mafiose Strukturen in den Behörden Italiens bis hinein in die Polizei, Verbindungen der Mafia zu Politikern, ihre Vernetzung in der bürgerlichen Gesellschaft, ihre illegalen Geschäfte, ihre brutalen Verbrechen und ihr ungeniertes Ausnutzen legaler Möglichkeiten zur Geldwäsche. Von jedem Euro illegal verdienten Geldes fließen 70 Cent in legale Märkte. "Das ist ein Geldstrom, der einen einst klaren See verschmutzt", sagt er. Gemeint ist Deutschland.
Die Mafia nutzt dieses Land mit einer bis ins alte Preußen zurückreichenden Rechtsstaatlichkeit aus für ihre Ziele, sagt er zynisch. Die Deutschen stünden im Ruf, eine ziemlich unbestechliche Verwaltung zu haben. Aber daran sei die Mafia gar nicht interessiert. Das Geld fließe in Hotels, in die Gastronomie, auch in die Telekommunikation. Das sind geeignete Märkte, um Geld zu waschen. An brutalen, auffälligen Morden sei die Mafia im Ausland weniger interessiert. Hier wolle "sie legal illegales Geld anlegen". Bestechungsskandale, Blut und Bomben störten da nur.
Immer wieder blickt sich Roberto Scarpinato aufmerksam um, antwortet konzentriert, kontrolliert und kalkuliert. Er nutzt solche Vorträge wie an diesem Mittwochabend in Wolfsburg und solche Interviews. Sie sind Teil seines Kampfes gegen die Mafia: die Sensibilisierung der Bevölkerung in den europäischen Nachbarstaaten Italiens, die Offenlegung von Gefährdungen, noch mehr: des Ausmaßes der Gefahr, die sich noch durch das Auftreten der russischen Mafia und ihrer kleinen Schwestern in Kroatien, Rumänien und Bulgarien erhöhe.
"Die europäischen Staaten müssen zusammenarbeiten", betont er, um der international agierenden organisierten Kriminalität wirksam entgegen treten zu können. Das erfordere eine gemeinsame Polizeistrategie, Kontrolle der Finanzmärkte.
Der Mafia liegt daran, dass es in Deutschland still bleibt, um ungestört zu investieren. Sie erfreue sich aller Vorzüge eines Rechtsstaates. In Italien, erläutert Scarpinato, genüge der Verdacht auf Verbindungen zur Mafia, um das Telefon abzuhören. Schärfere Gesetze in Deutschland erlauben der Mafia unerlaubte Geschäfte am Telefon. Sorgen um bürgerliche Freiheitsrechte widerlegt der Jurist sogleich, vor allem mit dem Argument: "Voraussetzung ist immer ein richterlicher Beschluss".
Roberto Scarpinato wirkt keinen Moment lang müde, bleibt aufmerksam im Gespräch und wachsam gegenüber seiner Umgebung. Aber diese Frage versteht er, obgleich zweimal anders gestellt erst, als Stefano Jorio, der Leiter des gastgebenden Italienischen Kulturinstituts, übersetzt: Ob es neben dem illegalen Markt in Italien auch einen legalen Markt gebe, in den die Mafia investiere. "Nein," erklärt er klar. Italien profitiere wirtschaftlich nur insofern von der Mafia, als deren Bosse verschiedener Hierarchie-Ebenen ihr luxuriöses Leben mit Produkten des Landes finanzierten.
Ansonsten sei der Mafia daran gelegen, das Land auszusaugen, auszubluten und eine prosperierende Entwicklung im Süden Italiens zu unterlaufen. Die Mafia benötige ein Umfeld wirtschaftlicher Unsicherheit, möglichst sogar Not, um besser agieren zu können. So versickerten die Hilfsgelder aus Rom stets im sizilianischen Sand. Oder es gibt neue Gesetze. Da beschlagnahmt er allein in Palermo fast drei Milliarden Euro und dann macht ein Amnestie-Gesetz diesen Erfolg zu nichte.
Roberto Scarpinato verabschiedet sich mit herzlichem Händedruck. Er geht. Unerbittlich, unnachgiebig, hartnäckig und unermüdlich setzt er den Kampf fort.













