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14. Februar 2012
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"Ich bin ich ja nicht alleine Schuld"

Landgerichtsprozess um den Rentner S. und den erbitterten Nachbarschaftsstreit von Velstove

Von Hendrik Rasehorn

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Terrorisiert der angeklagte, bereits mehrfach verurteilte Rentner S. seine Mitmenschen? Wird er sogar handgreiflich, oder ist der 75-Jährige auch ein Opfer, dem weitere Straftaten in die Schuhe geschoben werden sollen? Über einen erbitterten Nachbarschaftsstreit im Dorf Velstove bei Wolfsburg muss die 10. kleine Strafkammer des Braunschweiger Landgerichts entscheiden.

S. erklärt sein Verhalten gegenüber den Nachbarn so: "Wenn es Streit gibt, dann bin ich ja nicht alleine Schuld. Wenn ich angegriffen werde, dann tue ich zurück. Sie müssen hören, wie die über mich reden: Bringt dem einen weißen Kittel‘, und so was."

Nachbar: Es gibt kein Zusammenleben mehr

Ein Nachbar von S., der kein Zeuge im Prozess ist, berichtet: "Es gibt mit Herrn S. kein Zusammenleben mehr. Ich selbst wurde von ihm beleidigt und angegriffen. Anzeigen bringen doch nichts, wir bekommen weder von Polizei noch Gerichten Unterstützung. Es wird viel über Zivilcourage gesprochen, aber es muss wohl erst was passieren, damit hier reagiert wird." Die ewigen Streitereien machen ihm zu schaffen. Er praktiziere Tai-Chi, um mental vom Zank mit S. abschalten zu können, erzählt er. Andere Nachbarn seien hingegen fortgezogen.

Der Rentner S. wurde in Boulevardmedien bekannt, nachdem er im Februar 2008 mit einer Kettensäge die Hecken eines Nachbarn kurzerhand gestutzt und für die Kameras posiert hatte. RTL drehte kürzlich einen Beitrag in Velstove mit TV-Streitschlichter Franz Obst – allerdings ohne S. als Hauptperson. Stattdessen kamen die Nachbarn zu Wort. Die Sendung wird im August in der Serie "Nachbarschaftsstreit" gezeigt.

Ähnlich wie in Velstove hatte sich in Gifhorn ein Streit zwischen Kleingartennachbarn über Jahre hochgeschaukelt – mit tödlichem Ausgang. Im September 2008 erschlug der 66-jährige Wilfried R. drei Menschen mit einem Knüppel.

Je älter ein Mensch wird, sagte damals der Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Christian Pfeiffer, umso mehr verliert er die Flexibilität, auf Streits zu reagieren, zumal wenn sich ein Konflikt über Jahre aufstaut. Niemand hatte je versucht, im Konflikt in Gifhorn zu vermitteln.

In Velstove starteten Schiedsleuten zwar Vermittlungsversuche, diese blieben aber erfolglos. "S. ist beratungsresistent, er versteht nicht Ursache und Wirkung", ist ein anderer Nachbar überzeugt.

Das Landgericht in Braunschweig wollte den Fall eigentlich am Dienstagvormittag aufarbeiten. Gestern, nach dem zweiten Verhandlungstag, appellierte der Vorsitzende Richter Andreas Kreutzer an S., zuzugeben, falls er sich schuldig gemacht habe: "Wir können weiter verhandeln. Die Frage ist, ob dies der richtige Weg ist, oder ob es nicht vernünftiger wäre, wenn Ruhe einkehrt."

Prozess wird im Herbst fortgesetzt

Die Kammer unterbrach den Prozess, sie möchte sich nun ein umfassenderes Bild von den Ereignissen machen. Im Herbst wird die Verhandlung wohl mit weiteren Zeugen fortgesetzt. Ein Gerichtspsychiater soll ein Gutachten zum Geisteszustand des Angeklagten verfassen. Allein dieses könnte S. – sollte er verurteilt werden – 1500 bis 2000  Euro kosten. Hinzu kämen die Auslagen für Zeugen, Gerichts- und Anwaltskosten. Trotzdem will S. nicht klein beigeben: "Das machen wir jetzt", sagte er trotzig.

Kreutzer ist auch Vorsitzender des Niedersächsischen Richterbundes und erklärt: "Mitunter habe ich das Gefühl, dass die knappen Ressourcen der Gerichte mit anderen Fällen sinnvoller eingesetzt werden können. Für manche Menschen sind Prozesse Ersatzhandlungen. Die Fähigkeit, Konflikte untereinander zu lösen, ist ein ganz hohes Gut. Der Gang zum Gericht sollte letztes Mittel sein."

Donnerstag, 15.07.2010
Quelle: http://www.newsclick.de/index.jsp/artid/12621788/menuid/472005

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