BZV
newsclick
Suchen
12. Februar 2012
2-Tage-Vorschau

Ein Land im Aufbruch – Kampf um kluge Köpfe

Polizeibeamter aus dem Landkreis Wolfenbüttel baute ein Jahr lang die afghanische Grenzpolizei mit auf

Von Markus Schlesag

"Man hört am Himmel ein Zischen, dann kracht es aus der Ferne. Das ist dann der Einschlag. Einen Raketenangriff registrieren die Menschen in Kabul ähnlich, wie man hier in Deutschland einen Autounfall im Vorüberfahren wahrnimmt: Nach ein paar Minuten ist der Alltag wieder da, das eben Erlebte fast vergessen." Ein Jahr lang hat Peter Jördening aus Gardessen im Landkreis Wolfenbüttel in der afghanischen Hauptstadt gelebt.

Risiken will der 38-jährige Polizeioberrat auch im Nachhinein nicht herunterspielen. Schließlich ereignete sich während der Zeit seines Einsatzes das blutige Attentat vom 7. Juni 2003. Vier Bundeswehr-Soldaten der Afghanistan-Schutztruppe Isaf wurden damals getötet, 29 verletzt. Am Tag des Anschlags hielt sich Jördening zwar gerade kurz in Deutschland auf. Die Wochen nach dem Attentat in Kabul sind ihm aber gut in Erinnerung: "Das war eine schwierige Zeit. Der Autobomben-Anschlag ereignete sich auf einer sehr bekannten Straße, die auch wir täglich benutzt haben."

Jördening, der im Auftrag des Bundesinnenministeriums in Afghanistan arbeitete, sagt aber auch: "Zum Glück musste ich die Schutzweste nicht täglich tragen. Das war nicht nötig." In Kabul half Jördening als stellvertretender Projektleiter, eine afghanische Grenzpolizei aufzubauen. Während seines Aufenthalts habe keiner der 17 deutschen Polizeibeamten eine bedrohliche Situation erlebt.

"Anfangs befanden sich 88 000 Leute auf der Gehaltsliste der Grenztruppen", schildert er die Ausgangslage. "Die neue Grenzpolizei soll aber nur 12 000 Mann umfassen." Zwar könnte für die Sicherung der Grenze durchaus mehr Personal eingesetzt werden. Doch es fehlt das Geld. Auch so sei es schon sehr schwierig gewesen, genügend qualifizierte Kräfte für die Aufgabe zu finden. "In der existierenden Polizei sind 60 bis 70 Prozent der Bediensteten Analphabeten."

Längst ist im Land ein Wettbewerb um gebildete Köpfe entbrannt. "Die Polizei konkurriert dabei nicht nur mit der allgemeinen Verwaltung, sondern auch mit Armee und der Wirtschaft", so Jördening. Entsprechend schwierig war das Personal-Auswahlverfahren. "Als wir die Personalbögen ausgaben, stellte sich heraus, dass von 330 Offizieren 30 nicht lesen und schreiben konnten. Kriegserfahrene Männer saßen plötzlich da und fühlten sich den neuen Anforderungen nicht mehr gewachsen."

Doch sie bekamen eine Chance und nutzten sie. Zusammen mit der GTZ, der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit, wurden Lese- und Schreibkurse organisiert. "Mit Erfolg, bei vielen waren die Kenntnisse in 20 Jahren Krieg und während der Taliban-Herrschaft einfach verschüttet worden."

Dass auf die afghanischen Grenzpolizisten ein Höllenjob wartet, daran lässt Jördening keinen Zweifel: 5900 Kilometer Grenze gilt es zu sichern. "Sie verläuft nicht nur durch Wüste, Sumpf und bis zu 6000 Meter hohes Gebirge, sondern auch durch beste Mohnanbaugebiete. An der Grenze zum Iran blüht der Drogenhandel, entlang der 3000 Kilometer langen Grenze zu Pakistan ist deren Verlauf teils unklar."

Weil mittlerweile drei Viertel des Rohopiums der Welt aus Afghanistan stammen, gehen Amerikaner und Briten nun auch gegen Drogenbarone vor. Dennoch ist ein gravierendes Problem ungelöst: "Mit dem Anbau von Mohn nimmt ein Landwirt das 30fache dessen ein, was er mit normalem Ackerbau verdienen könnte – und kann sich damit gerade über Wasser halten." Ähnlich niedrig liegen auch die Gehälter der Polizisten. "Etwa 100 Euro im Monat erhält ein Oberst. Damit kann er knapp seine Familie durchbringen."

Mittlerweile ist die Grenzpolizei auch nahezu allein für die Sicherheit des Flughafens von Kabul zuständig. Noch vor kurzem herrschte dort ein organisatorischer Wirrwarr. Sieben staatliche Organisationen rangen miteinander um die Kompetenzen – von der Stadtpolizei über den Geheimdienst bis zur Miliz.

Nicht immer sind schnelle Lösungen möglich, meint Jördening. Zwar befinde sich das Land in einem bemerkenswerten Aufbruch, Unterstützung werde es aber über Jahrzehnte benötigen, auch um den Sumpf der Korruption trocken zu legen. "Unsere Zielgruppe müssen dabei die heute Fünf- bis Zehnjährigen sein, die jetzt zur Schule kommen." Die Schulen laufen dafür zu Höchstleistungen auf, bereiten den Nachwuchs im Zwei-Schicht-System auf die Zukunft vor.

Deutschland hat bei der Aufbau-Hilfe einen entscheidenden Vorteil gegenüber anderen Nationen, meint Jördening: "Den Deutschen wird zugebilligt, dass sie in Afghanistan kein Eigeninteresse verfolgen und einfach dem Land helfen wollen." Und noch eine Erfahrung hat er gemacht: "In Afghanistan ist allgemein bekannt: Die Deutschen versprechen nur das, was sie auch halten können. Das tun sie dann auch."

Montag, 29.03.2004
Quelle: http://www.newsclick.de/index.jsp/artid/2641717/menuid/472005

Videos von heute

Nehmen Sie Kontakt zu unserem Recherche-Team auf.

[ zur Seite ]

Whitney Houston ist tot

[ zum Artikel ]
- Anzeige -
Payper Card

Lichtblick

[ zum Artikel ]