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16. März 2010
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Zentrum der Erkenntnis: unser Gehirn

Über Evolution und Denken mit und ohne Grenzen – Ein Gespräch mit dem Braunschweiger Philosophen Professor Dr. Gerhard Vollmer


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Herr Professor Vollmer, Sie gelten als einer der Väter der evolutionären Erkenntnistheorie. Was ist das?

Eine schöne Disziplin, die durch Zusammenwirken von Biologie und Philosophie entstand. Der wichtigste Vater dürfte der Verhaltensforscher Konrad Lorenz sein. Die Philosophie hat schon immer gefragt: Was können wir erkennen? Wo liegen die Grenzen? Da konnte die Biologie über die Evolutionstheorie helfen. Wir sind als Menschen Produkte der Evolution und damit auch der natürlichen Auslese. Jemand, der die Welt nicht gut erkennt, kann auch nicht gut überleben.

Liegt der Schlüssel dafür nicht exakt in der Evolution unseres Gehirns?

Das ist genau das Mittelstück. Philosophen wussten ja früher ganz wenig über das Gehirn und haben sich trotzdem viele Gedanken über Erkenntnis, Wissen und Wissenschaft gemacht. Man hat mittlerweile viel mehr über das Gehirn gelernt. Das Organ, mit dem wir erkennen, ist das Gehirn. Seine Strukturen – und die des zentralen Nervensystems – sind weitgehend programmiert durch die Gene und damit Ergebnisse der Evolution.

Das ist Veränderung durch die Herausforderung von außen. Wer am besten gerüstet ist, setzt sich durch. Heißt das, bezogen auf das Gehirn: Es ist ständig mit Problemen konfrontiert und muss diese lösen?

Sie müssen unterscheiden zwischen der biologischen Evolution und der Entwicklung des Individuums. Dass sich das Gehirn ständig mit der Umwelt auseinandersetzen muss, das ist richtig. Da entwickelt sich das Gehirn im Laufe eines Lebens eines Einzelnen. Als evolutionäre Erkenntnistheoretiker achten wir jedoch besonders darauf, was uns beispielsweise wesentlich von unseren nächsten Verwandten unterscheidet – etwa den Schimpansen. Sie sind uns sehr ähnlich. Aber sie können nicht sprechen. Irgendwo muss dort ein gewaltiger Unterschied in den Genen und im Gehirn liegen. Der Biologe fragt: Wie ist das entstanden? Der Philosoph fragt: Was heißt das für unsere Beurteilung des Menschen, für die Zuverlässigkeit unseres Erkennens?

Der Mensch erkennt mit seinem Gehirn nur einen Teil der Realität. Er hat dafür Komponenten zur Verfügung, die sich in seiner Evolution genau auf diesen Ausschnitt ausgerichtet und angepasst haben. Was schätzen Sie: Wieviel Prozent können wir erkennen?

Wir unterscheiden zwischen der Welt, an die wir in der Evolution erkennend angepasst wurden. Die nenne ich den Mesokosmos – eine Welt der mittleren Dimensionen. Wir wissen längst, dass der Mesokosmos nicht alles ist. Mit wissenschaftlichen Mitteln, mit Werk- und Denkzeugen, sind wir weit über den Mesokosmos hinausgegangen. Es ist ein eigenartiges Paradoxon, dass uns die Evolution nur auf den Mesokosmos vorbereitet hat, dass wir ihn aber weit überschreiten können.

Wir blicken mit dem Weltraumteleskop in den Makro-, schauen mit Rasterelektronenmikroskopen in den Mikrokosmos. Ist das schon Evolution, in diese Bereiche vorzustoßen?

Das geht längst über das hinaus, worauf uns die Evolution zunächst vorbereitet hat. Der Mesokosmos – das sind eben die mittleren Dimensionen. Er wird dann überschritten in drei Richtungen: zum ganz Großen, zum ganz Kleinen und zum ganz Komplizierten.

Werden wir uns total verändern? Es fängt doch schon an.

Jetzt gehen Sie zu weit. Und zwar deshalb, weil wir zunächst nur fragen: Wie ist es so gekommen, wie es jetzt ist? Wenn man das geklärt zu haben glaubt, dann fragt man: Und wie geht es weiter? Die Frage wäre also: Werden wir zu immer besseren erkennenden Systemen kommen, werden wir immer bessere Gehirne haben? Rein biologisch nicht. Aber wir können auf immer höherem Niveau beginnen. So ähnlich ist auch der Unterschied zwischen den Menschen, die die erste Sprache entwickeln mussten und denen, die die Sprache von außen geboten bekommen. So ist es auch mit dem Erkennen. Wir können mit Hilfe dessen, was wir schon wissen, viel schneller etwas Neues entdecken.

Sie sagten: Biologisch wird uns das Gehirn in diese Richtung nicht führen. Aber es gibt doch Sprünge in der Evolution.

Wir können aus der Vergangenheit lernen. In der Evolution gab es Quasi-Sprünge, etwas, das aussieht wie eine ganz neue Welt – manchmal allerdings durch Katastrophen bewirkt. Sehr häufig entstehen solche Fortschritte oder Sprünge dadurch, dass mehrere Teilsysteme zu einem Gesamtsystem zusammengeschaltet werden und dann ganz neue Fähigkeiten und Möglichkeiten eröffnen. Und so ist es jetzt bei uns auch.

Wie könnte das heute aussehen? Wenn Sie Schaltungen mit Elektronen herstellen, steigt die Rechnerleistung dramatisch. Dazu immer geschultere Gehirne. Zusammengeschaltet mit neuen Formen der Kooperation. Ist das Science-fiction?

Man sollte immer den Zeithorizont nennen. Sprechen wir über die nächsten 10 oder 1000 Jahre? Millionen? In den nächsten Jahrmillionen könnte sich auch unser genetisches Inventar verändern. Uns interessiert eigentlich mehr, was in den nächsten Jahren und Jahrzehnten passiert. Man müsste also sagen, es ist Science-fiction, selbst wenn es langfristig gar nicht unmöglich ist. Ich benutze gern das Wort Denkzeuge. So wie ein Werkzeug uns hilft, etwas zu bewirken, so kann ein Denkzeug uns beim Erkennen helfen. Der Computer ist ein hervorragendes Denkzeug. Es gibt viele andere, etwa die Sprache. Sie ermöglicht es uns, den Mesokosmos zu verlassen. Oder die Schrift. Vieles, was wir Kulturtechniken nennen.

Mathematik. Formeln stoßen in Bereiche vor, die ansonsten noch nicht mit Leben erfüllt werden können.

Ja. Wissenschaft bedient sich solcher Denkzeuge. Da wird der Computer in absehbarer Zeit das Entscheidende sein. Dass sich in unserem sozialen Zusammenwirken so viel ändert, glaube ich nicht. Das ist nicht dasselbe wie ein Denkzeug. Dazu bräuchte man sozusagen soziale Werkzeuge.

Wie könnten sie aussehen?

Ich habe vorhin im Autoradio gehört, dass die konfuzianische Lehre in Korea noch sehr stark gelehrt und gelebt wird. Die Kinder werden daran gewöhnt. Es wäre theoretisch denkbar, dass man sehr früh durch Erziehung, durch den Kindergarten und ähnliches, auch das Zusammenleben anders formt als es bei uns zur Zeit der Fall ist. Aber ich habe auch Angst davor. Solche strenge Erziehung kann man auch missbrauchen. Es wird immer welche geben, die es dann tun werden. Ich bin jemand, der lieber kleine Schritte macht.

Sie haben über den Zeithorizont gesprochen. Die Evolution vollzieht sich in unvorstellbar langen Zeiträumen. Können Sie erklären, wieso es diese Dimensionen von Zeit sind, die Unvorstellbares möglich machen?

Wenn ich vom Mesokosmos ausgehe: Wir können uns an zeitlichen Distanzen vorstellen, was wir selbst schon erlebt haben. Also Jahre. Wer älter ist, kann sich vielleicht Jahrzehnte vorstellen. Für ein Kind ist die Zeit bis Weihnachten unendlich lang. Auch für Wissenschaftler ist der Unterschied zwischen 10 Milliarden und 100 Milliarden nicht vorstellbar. Sie haben allerdings gelernt, die Mathematik oder die Zahlen zu benutzen, um dieses Unvermögen zu kompensieren. Was wir an Entfernungen im Kosmos oder an Zeiten in der Evolution wissenschaftlich behandeln, dafür haben wir kein Gefühl. Für exponentielles, also nicht-lineares Wachstum haben wir kein Gespür.

Hat die Evolution ein Ziel?

Das ist ganz einfach: Nein. Es gibt kein Ziel, die Evolution arbeitet immer nur geschoben. Es gibt da nichts, was zieht. Es gibt nichts, woraufhin etwas entwickelt wird.

Das glauben Sie. Wissen Sie es?

Ich kann philosophisch vertreten, zu sagen: Wir wissen das. Aber unser Wissen ist vorläufig. Wir können uns in jeder Frage irren. Und wir könnten uns auch in der Frage irren, ob es Ziele für das Universum oder die Weltgeschichte oder den Menschen gibt. Die Religionen glaubten ja immer, die Antwort zu kennen. Dass es ein Ziel und einen Zielgeber – Gott – gibt. Der Naturalist würde ein solches Ziel ausschließen und sagen: Da nichts dafür spricht, muss ich davon ausgehen, dass es das nicht gibt.

Es fällt schwer, zu glauben, dass alles Zufall, beliebig und beiläufig sei.

Bis zu Darwin hat man so argumentiert. Man nannte das den teleologischen Gottesbeweis. Darwin hat gezeigt, dass es auch einen anderen Weg gibt, Komplexität und Zweckmäßigkeit zu erklären. Nicht durch Zufall allein. Die Mutationen und Variationen sind zwar zufällig, aber die Selektion ist nicht zufällig. Sie ist stark determiniert, aber das heißt nicht, dass es ein Ziel gibt.

Was sagen Sie zur Leistung, die in der Konstruktion eines Fliegenbeines steckt? Da steckt eine ungeheure Intelligenz dahinter. Die Fliege selbst ist nicht intelligent.

Der Ausdruck, es stecke ungeheure Intelligenz dahinter, ist nicht falsch, aber irreführend.

Wenn wir es konstruieren könnten...

Es stecken Jahrmillionen und Jahrmilliarden dahinter. Da wird probiert, jeden Tag, jede Minute bei jeder Reproduktion, jeder Mutation. Anschließend wählt nicht irgend eine Instanz aus. Einige sind eben besser als andere.

Was hat der Philosoph in einer Technischen Universität zu sagen?

Wir können erstens die Interdisziplinarität fördern. Das Neue wird fast immer dort gefunden, wo Disziplinen zusammenstoßen. Bei Studierenden gibt es ein Bedürfnis und einen Bedarf, über den Horizont zu schauen. Da können wir Philosophen einiges anbieten.

Eine neue Kultur des Nachdenkens und Forschens?

Wir werden sehr abgelenkt durch alle möglichen Dinge – und zum Teil auch irregeführt, was für uns wichtig sei. Den Leuten nahezubringen, was wirklich Hand und Fuß hat, das erfordert nicht nur Ausbildung, sondern Bildung, Geschmack, Urteilsvermögen. Ich fürchte, es geht verloren. Zur Bildung gehört immer etwas, das über die Ausbildung hinausführt, zum Beispiel etwas, das kein Geld bringt. Etwas, bei dem man die Bausteine verbinden kann. Etwas, das mich zum Staunen bringt. Und zur Neugier, etwas zu lernen, das ich noch nicht weiß.

Freitag, 22.10.2004
Quelle: http://www.newsclick.de/index.jsp/artid/3371271/menuid/472005

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