"Wir wollen nicht streiken, wir wollen arbeiten"
Die größte Demonstration seit 1978 vor der Konzern-Zentrale in Wolfsburg Klaus Volkert: "Ich spüre die Verantwortung"
Dienstag, 2. November: Siebter Verhandlungstag für den VW-Tarif. Seit 9 Uhr sitzen sich Hartmut Meine, Verhandlungsführer der IG Metall, und Josef-Fidelis Senn, VW-Verhandlungsführer, im Congress-Centrum in Hannover wieder gegenüber. Gleichzeitig arbeitet in Wolfsburg in der 13. Etage des VW-Hochhauses auf dem Werksgelände der Konzernvorstand.
Hunderte von Kranichen iehen an diesem spätherbstlichen Tag über das Werksgelände hinweg. Ein friedlicher Anblick.
Vor dem Hochhaus, in dem die Konzern-Zentrale ihren Sitz hat, haben sich um 13 Uhr mehr als 40 000 VW-Beschäftigte versammelt. Nur die wenigsten werden die Zugvögel beobachten. Denn die Frauen und Männer hören konzentriert zu, was ihnen Klaus Volkert, Vorsitzender des VW-Konzernbetriebsrates, Frank Patta, der Sprecher der Vertrauenskörper-Leitung, Michele Rose, Jugend-Vertreterin, und Wolfgang Schulz, Chef der IG Metall in Wolfsburg, zu sagen haben.
"Ungeheuerliches Ansinnen"
Die Gesichter sind ernst, verschlossen. Die allermeisten hier haben Familie, vielleicht ein Haus, oder ein Kind in kostspieliger Ausbildung. Werden sie im nächsten Jahr und darüber hinaus ihren Lebensstandard halten können? Werden sie ihr Haus bezahlen, die Kinder weiter unterstützen können? Es geht ums Geld. Auf Arbeitnehmer- wie auf Arbeitgeber-Seite.
So will VW zwei Nullrunden bei Löhnen und Gehältern durchsetzen. Außerdem sind Urlaubs- und Weihnachtsgeld in Gefahr. Es soll auch Heiligabend und Silvester gearbeitet werden ohne Lohnausgleich. Die Frauen und Männer sind wütend und ratlos, sogar resigniert.
"Volkswagen war bisher von der Kultur einer konstruktiven und vertrauensvollen Zusammenarbeit geprägt, die dem Unternehmen wie der Belegschaft und den Regionen der VW-Standorte gleichermaßen große Vorteile gebracht hat", stellt Klaus Volkert fest, und die 40 000 Demonstranten stimmen ihm zu.
Doch nun, sagt Volkert, "soll an deren Stelle unsere bedingungslose Unterwerfung treten. Dieses Ansinnen ist ungeheuerlich und stößt deshalb auf unseren entschiedenen Widerstand." Ein zustimmendes Pfeifkonzert setzt ein. Diesen Widerstand zeigen die 40 000 heute ihrer Konzernführung, der sie mit dieser Kundgebung vor der Konzern-Zentrale gewissermaßen dicht auf die Pelle rücken. Das hat das Volkswagen-Werk, das hat Wolfsburg seit 1978 nicht mehr erlebt.
Das sieht auch Frank Patta so und betont es in seiner Rede. Die Chefs wollten durch "Unfähigkeit, Verschwendungssucht, Missmanagement und ausgeprägte Schlafkrankheit" verlorenes Geld zurückerhalten, indem sie ihre Beschäftigten unter Druck setzten.
"Bochum des Nordens"
"Das zeigt deutlich, dass Volkswagen ein gewöhnliches deutsches Unternehmen geworden ist", sagt Patta. Und auch dies: "Sie wollen Wolfsburg zum Bochum des Nordens machen. Für diese Manager sind wir keine Menschen, sondern nur noch Arbeitskosten auf zwei Beinen."
Michele Rose, die Jugend-Vertreterin, appelliert an den Konzernvorstand, zu erkennen, was für ein "hoch qualifizierter und hoch flexibler Nachwuchs" ausgebildet worden ist. "Wir wollen nicht abgezockt werden. Wir haben doch alle seit Generationen einen engen familiären Bezug zu VW!", ruft die junge Frau. Auch ihr gilt die lautstarke Zustimmung der Demonstranten.
Wolfgang Schulz, der IG Metall-Chef von Wolfsburg, gibt seiner Fassungslosigkeit über gesunkenes Niveau Ausdruck: "Die kooperative Konfliktbewältigung, mit der in den vergangenen Jahren hier auch schwierigste Probleme gelöst worden sind, wird Opfer dieses Arbeitskampfes sein. Volkswagen präsentiert sich in dieser Tarifauseinandersetzung wie ein stinknormales kapitalistisches Unternehmen." Scheiterten die Verhandlungen, gebe es Streik. "Aber wir wollen ja gar nicht streiken. Wir wollen doch nur arbeiten", ruft er. Die Kundgebung ist aus. Die meisten Demonstranten gehen zurück an ihren Arbeitsplatz, die anderen haben Feierabend. Sie sind alle bedrückt.
"Das Bild dieser Massen war phänomenal", sagt Klaus Volkert anschließend, abseits der Mikrophone. "Ich spüre die große Verantwortung und das große Vertrauen in uns. Das belastet mich schon".













