Vatikan half Flucht aus der Todeszelle nach Südamerika
Spurensuche: Nach 60 Jahren sind die Rätsel um Berthold Heilig gelöst
Das Buch fesselt wie ein Thriller. Die Fakten sind unglaublich. Sie bringen Licht ins Dunkel der abenteuerlichen Flucht des Braunschweiger Nazi-Führers Berthold Heilig. Sie schließen nach 60 Jahren eine Lücke in Braunschweigs Stadtgeschichte. Heilig fand Helfer vor allem bei den Kirchen, bei ehemaligen Nazis und sogar bei einem Engländer. Nur deswegen gelang dem 1947 in Braunschweig wegen Mordes zum Tode Verurteilten die Flucht nach Argentinien.
In keiner Veröffentlichung, in keinem Archiv fand sich bisher ein gesicherter Hinweis über Heiligs Verbleib nach dem Zweiten Weltkrieg. Journalist Eckhard Schimpf, früher stellvertretender Chefredakteur unserer Zeitung, fand die Spur, hat ein Jahrzehnt lang recherchiert und das Geheimnis um den ranghöchsten Nazi der Stadt endlich gelüftet.
In eine Mönchskutte getarnt
Darin deckt Schimpf auf:
Ein englischer Offizier hilft aus Liebe zu Heiligs früherer Sekretärin dem Nazi-Verbrecher im Dezember 1948 zur Flucht. Heilig bricht aus der Todeszelle des Zuchthauses Wolfenbüttel aus. Der Engländer bringt ihn aus der Stadt, zum Bahnhof nach Hannover.
Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche bereiten dem Nazi-Mörder den Weg in die Freiheit. Mit einer Mönchskutte getarnt gelangt er von Kloster zu Kloster bis zum Vatikan. Dort findet er im Anima-Priesterseminar in Rom Unterschlupf und bekommt neue Papiere.
Heilig entkommt nach Argentinien (1951), profitiert von den "Odessa"-Strukturen ("Odessa": Organisation der ehemaligen SS-Angehörigen, ein Zusammenschluss unverbesserlicher Nazis).
Heiligs Frau kommt ein Jahr später mit den drei Töchtern nach. Doch Heilig hat inzwischen eine neue Geliebte. Die Ehefrau und die drei Töchter reisen wenige Monate später tief enttäuscht und entnervt ab. Danach reißt der Kontakt ab.
Als Hans (später Juan) Richwitz führt Heilig in Argentinien ein ärmliches Leben. Er hat nichts gelernt, außer gnadenloser Nazi zu sein. Er betreibt eine Hasenfarm. Er lebt mit seiner Lebensgefährtin zusammen, deren Tochter den Steifvater später als "schizophren" und als "Quartalssäufer" bezeichnet. Heilig stürzt sich 1978 vom 10. Stock eines Hochhauses in Tucuman in den Tod.
Ursprung für das Buch war ein Artikel Schimpfs über Heilig in der Braunschweiger Zeitung (1987). Es meldete sich eine der Heilig-Töchter. Sie fachte das Interesse des Journalisten an, der als Kind 1944 dem Naziführer auch selbst schon einmal begegnet war. 1997 traf Schimpf den Uhrenfabrikanten Gerd R. Lang, einen gebürtigen Braunschweiger, der die Heilig-Familie aus Jugendtagen in Velthheim/Ohe kannte. Er berichtete von einem Tagebuch, das Heilig geschrieben hatte. Lang stellte dann den Kontakt zu den Töchtern Heiligs her. 1999 händigten sie Schimpf das Tagebuch und viele weitere Unterlagen aus.
Nun entspann sich ein Netzwerk von Informanten. Darunter waren Priester, Kirchengelehrte, ehemalige Agenten und vor allem auch eine alte Dame, die während der Nazizeit eine hochrangige BDM-Führerin gewesen war und exzellente Kontakte zu ehemaligen CIA- und deutschen Geheimdienstlern besaß.
Ihre richtige Namen wollten viele von ihnen nicht nennen. Auch die Heilig-Familie bestand auf Anonymität. Mit der damaligen Zeit will niemand mehr etwas zu tun haben.
Packende Reportage
Schimpf ist ein spannendes, dichtes Werk gelungen. Wer anfängt zu lesen, will wissen, wie es weitergeht. Die beiden Erzähl-Ebenen, Heiligs Leben und die Mühen der Recherche, machen einen besonderen Reiz aus. Das Buch ist Geschichtsaufbereitung und gleichzeitig lebendige Reportage. Es fasziniert.
Zeitzeugenberichte, Briefe, Dokumente aus dem Vatikan und Tagebuchnotizen, die ihm Heiligs Töchter zur Verfügung stellten, ergeben einen packenden Lesestoff.
Von Montag an wird Schimpfs Buch "Heilig. Die Flucht des Braunschweiger Naziführers auf der Vatikan-Route nach Südamerika" in täglichen Folgen im Lokalteil Braunschweig abgedruckt.













