Wo blieb die Wertung aus Absurdistan?
Nie wieder Deutschland! Warum der exzellente Roger Cicero beim Eurovision-Song-Contest ohne Chance war
Die Botschaft des Abends: "Sieben sieben ule ule ailulu eins zwei drei Dancing russki russki". So etwa ging der Refrain aus der Ukraine. Zweiter Platz. Gratulatski, Ukrainski.
Der rundliche Türke discodröhnte "Shake it up" und kam ziemlich weit nach vorne aus dem einzig vorstellbaren Grund, dass es in jedem europäischen Kaff Türken gibt, die vor Nationalstolz glühen.
Die Moskauer Dancefloor-Mädels gaben der neuen russischen Seele Ausdruck, indem sie "honey" auf "money" und "bunny" auf "funny" reimten. Lettische Tenöre mit zerknautschten Zylindern knödelten unmotiviert auf Italienisch drauflos.
Die Sopranistin aus Slowenien hatte sich einen Rieseneffekt ausgedacht: Sie beleuchtete sich bei
ihren Koloraturen über Disco-Beats mit Lämpchen aus der Handfläche und dachte, das sieht dämonisch aus.
Das große Chanson-Land Frankreich schickte alberne rosafarbige Süßlinge ins verlorene Rennen, Schweden versuchte, Waterloo zu recyceln und erlebte ein solches.
Die Rekord-Siegernation Irland muss ein paar Amateur-Folkies aus einem Dorfpub gezupft haben. Und das Mutterland des Pop? Schweigen wir über England. Niederschmetternd.
Nein, nein, wir wollen hier nicht die Sinnfrage stellen. Wenn man diesen European-Song-Contest bis zur Neige ausgekostet hat, wartet man am Ende nur noch auf die Wertung aus Absurdistan. Das ist wahrscheinlich auch eine von diesen "former yugoslavian republics".
Am Ende der langen Nacht, ein wenig schläfrig schon, denkt man, halb Europa besteht aus ehemals jugoslawischen Republiken. Die andere Hälfte besteht aus früheren Sowjet-Republiken. Die kungeln sich dauernd gegenseitig die Punkte zu. Skandal? Ach was. Europa ist Absurdistan an diesem Abend.
Nur die Türken können mithalten.
Das alte Europa nicht. Dabei muss man sagen: Was davon übrig war, war echt schlecht. Frankreich, England, Irland: grottig. Spanien: "Take that" für Arme. Griechenland: schon vergessen, irgendwas Discomäßiges mit Ethno-Touch. Wie die Türken.
Ausnahme Deutschland. Roger Cicero war gut. Cool. Stimmlich absolut sicher und präsent. 19. Platz. Das Problem: Es gibt einfach in all den "former yugoslavian republics" und im Rest des Kontinents zu wenig Deutsche, die vor Nationalstolz glühen. Und deshalb hör gut zu, Nicole, altes Friedensbisschen! wird nie wieder ein Deutscher diesen Wettbewerb gewinnen.
Und die Sieger? Ich hätte es der struppigen Janis Joplin, genauer gesagt Magdi Ruzsa aus Ungarn gegönnt. Aber es wurde die kantige Kelly Osbourne, genauer gesagt Marija Serifovic aus Serbien. Former yugoslavian republic, you know?
Mit geradezu grimmiger Inbrunst hat die gesungen. Das Lied war eine klassische Ballade mehr oder minder religiösen Inhalts mit pathetischer Steigerung. So was kommt an. Aber ein Hit wird das nicht außerhalb der "former yugoslavian republics".
Trotzdem: Es hätte schlimmer kommen können in Absurdistan. Insofern endet dieser musikalische Abend denn doch noch im Einklang mit Peter Handke: Glückwunsch an Serbien!













