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12. März 2010
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"Die Krawallmacher machen alles kaputt"

Friedliche Demonstranten machen Autonome für Chaos verantwortlich – Polizei spricht von einer "bisher nicht gekannten Brutalität"

Von unserem Korrespondenten Peter Gärtner, Rostock

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Das Transparent war nur noch mit Mühe zu erkennen. "George go Kyoto", sollte wohl darauf zu lesen sein; ein "please" noch nachgeschoben. Doch nun lag die friedliche Aufforderung an den US-Präsidenten mitten auf dem Rostocker Stadthafengelände im Dreck. Ringsherum Scherben, Steine, zerbrochene Stöcke – alles schmierig aufgeweicht vom Sprühregen.

Über dem weitläufigen Platz hingen tiefe Regenwolken, dunkle Rauchschwaden von Tränengas und angebrannten Müllcontainern. In einer riesigen Pfütze spiegelten sich Wasserwerfer und Räumfahrzeuge der Polizei, die vor der Bühne standen. Eigentlich sollten hier jetzt junge Leute ausgelassen tanzen und feiern – tatsächlich hatten gerade erst "Juli" und "Wir sind Helden" ihre Sachen gepackt.

Doch die Party fiel aus. Ein paar Meter weiter in den Zelten der Veranstalter kämpften die Organisatoren mit ihren Gefühlen, die zwischen Resignation und Wut hin- und herschwankten. Ausnahmsweise wurde die Schuld von den meisten nicht bei der Polizei gesucht. Für die Gewaltausbrüche der autonomen Szene, meinte Werner Rätz von Attac, gebe es keinerlei Rechtfertigung. Die Polizei hätte sich weitgehend an ihren deeskalierenden Kurs gehalten.

Im Café-Zelt flossen stille Tränen – nicht wegen des Tränengases. "Ein Jahr Vorbereitung, ein Jahr Spenden sammeln", stammelte die kurzhaarige Frau von einer Berliner Flüchtlings-AG, "und jetzt machen uns ein paar unbelehrbare Krawallmacher alles kaputt."

Dabei hatte die Großdemonstration, die den Auftakt der Proteste gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm markieren sollte, entspannt und friedlich begonnen. Zehntausende hatten sich allein hinter dem Hauptbahnhof versammelt – viele fantasievoll kostümiert und geschminkt, mit knallroten Lufballons in der Hand oder umgeschnallten Sambatrommeln. Frauengruppen in lilafarbenen Kleidern, Gewerkschafter und Linkspartei-Anhänger mit den üblichen roten Fahnen. Mancher kam auch allein wie ein ergrauter Herr im Jackett mit dem Transparent "Rostocker Rentnerruf: Protest Ja – Gewalt Nein".

Von der Bühne eines US-amerikanischen Trucks wurde er nur müde belächelt. Am LKW der Autonomen prangte in schwarzen Lettern "make capitalism history". Ringsherum standen junge, fast durchweg schwarz gekleidete Männer mit Sonnenbrillen. Doch kaum hatte sich der Zug in Bewegung gesetzt, kam es zu ersten Rangeleien auf einer nahen Brücke.

Dort versuchte eine Polizeieinheit mehrere Dutzend Fotografen und Kameraleute an Aufnahmen zu hindern und drohte mit gewaltsamer Räumung. Erst der grüne Bundestagsabgeordnete Christian Ströbele, der mit dem Fahrrad kam, und ein Anti-Konfikt-Team der Polizei sorgten für Beruhigung. Als wenig später die Autonomen an der Brücke ankamen, waren die Vermittler machtlos.

Zwar flogen – gemessen an dem, was noch folgte – lediglich ein paar Flaschen und Leuchtraketen in Richtung Journalisten und Polizei. Doch das erste Zeichen war gesetzt; die Gruppe der Gewaltbereiten hatte sich bereits zu einem wild entschlossenen Kampfverband formiert: komplett vermummt, untergehakt in dichten Reihen und an den Seiten mit Transparenten abgeschirmt.

Der für den gesamten Einsatz rings um das G8-Treffen verantwortliche Polizeiführer Knut Abramowski sprach später von "bisher nicht gekannter Brutalität". Als sich die Demonstrationszüge dem Stadthafen näherten, wurde der "schwarze Block" auf bis zu 3000 Militante geschätzt. Darauf waren weder die Veranstalter noch die Beamten vorbereitet. Die Vertreter von Attac, Greenpeace, Verdi, die Linke fühlten sich von dieser radikalen Minderheit getäuscht, deren Vertreter im Vorfeld angeblich "glaubhaft" Gewaltlosigkeit zusicherten. Rätz hält es für möglich, dass viele aus dem Ausland stammende Autonome in die Absprachen mit den deutschen Verbündeten nicht eingeweiht waren.

Die Polizei, anfangs nur mit wenigen Einheiten in den Nebenstraßen postiert, wirkte lange Zeit hilflos. So flogen unter den Augen der Ordnungshüter aus dem Autonomen-Block immer wieder Steine gegen Schaufenster von Banken, Hotels und Supermärkten.

Später wurden am Rand der Demonstration mit Müllcontainern Barrikaden errichtet und Autos angezündet. Auf dem bereits überfüllten Stadthafengelände nutzten die Vermummten die friedliche Masse der Demonstranten als Deckung: erst wurde ein Polizeiauto zerstört, dann Einsatzkräfte eingekesselt und mit Steinen und Stöcken gezielt angegriffen. Pausenlos dröhnten die Rotoren der Polizei-Hubschrauber über dem Stadthafen, heulten die Sirenen der Krankenwagen auf.

Unterdessen spiegelte sich auf der Bühne die Spaltung der G8-Kritiker: Während ein Attac-Vertreter aufrief, Ruhe zu bewahren und auch auf Militante einzuwirken, heizte ein Redner der autonomen Szene die Stimmung an: "Wir müssen den Krieg in diese Demonstration reintragen. Mit friedlichen Mitteln erreichen wir nichts." Viele pfiffen und buhten. Doch noch während der Ausschreitungen machten sich erste Gruppen frustriert auf den Heimweg.

Montag, 04.06.2007
Quelle: http://www.newsclick.de/index.jsp/artid/6825982/menuid/472005

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