Hohe Regress-Forderungen schockieren Ärzte
Medizinerin aus dem Kreis Helmstedt soll 42 700 Euro zurückzahlen In diesem Jahr Einigung auf höheres Budget pro Patient
BRAUNSCHWEIG. "Ich bin geschockt", sagt Petra Sobotta aus Schöningen im Kreis Helmstedt. Die Allgemeinmedizinerin fand überraschend einen Regress-Bescheid aus Hannover in ihrem Briefkasten.
Der Grund für die Mahnung: Die Ärztin soll ihren Patienten für das Jahr 2005 zu teure Medikamente verschrieben haben und daher 42 700 Euro zurückzahlen.
Sobotta hat nun ihre Praxis bis zum 1. Juli geschlossen, um diesen Vorwurf zu entkräften und um 6000 Rezepte zu überprüfen. Sie erklärt: "Ich habe viele alte und schwerkranke Patienten, die teure Medikamente dringend benötigen. Hier auf dem Land gibt es keine Fachärzte mehr, und daher kommen sie zu mir. Ich habe doch die Medikamente ja nicht verschrieben, um mich zu bereichern, sondern um meinen Patienten bestmöglich helfen zu können."
Gesamtbudget für Ärzte
liegt bei 1,7 Milliarden Euro
Und Sobotta ist kein Einzelfall: 120 Mediziner sollen in der Region zu teure Medikamente verschrieben haben.
Dr. Thorsten Kleinschmidt, Sprecher der Bezirksstelle Braunschweig der Kassenärztlichen Vereinigung, erklärt den Vorgang: "Die Prüfstelle in Hannover, die sich paritätisch aus Mitgliedern der Kassenärztlichen Vereinigung und der Krankenkassen und einem unabhängigen Vorsitzenden zusammensetzt, hat im Zuge der gesetzlich vorgeschriebenen Arzneimittel-Richtgrößenverordnung die Verschreibungen der hiesigen Ärzte zu kontrollieren."
Es wird jährlich ein Arzneimittel-Gesamtbudget für Niedersachsens Ärzte festgelegt, das bei etwa 1,7 Milliarden Euro liegt. "Je nach Fachbereich berechnet man dann genau, wie viel ein Mediziner pro Quartal an Arznei- und Heilmitteln pro Patient verschreiben darf. Überschreitet der Arzt diese Richtgröße um mehr als ein Viertel, droht ihm Regress, sofern er die Überschreitung nicht begründen kann", sagt Kleinschmidt.
Das Problem sei jedoch, dass diese Richtgröße für die Ärzte in Niedersachsen in den letzten Jahren immer zu niedrig gewesen sei. Der Sprecher fügt hinzu: "Man muss bedenken, dass wir in einem Flächenland mit vielen Rentnern leben. Daher sind die Ausgaben für die Mediziner vergleichsweise hoch."
Vor allem auf die Hausärzte und die Neurologen kämen wegen der zahlreichen Rentner und Demenzkranken in den Seniorenheimen hohe Arzneikosten zu daher seien diese beiden Arztsparten auch häufig unter den Regress-Fällen vertreten. "Die hohen Regress-Forderungen können existenzbedrohend sein und viele Kollegen verstehen nicht, wofür sie bestraft werden", erklärt Kleinschmidt.
Die Kassenärztliche Vereinigung berate nun diese Ärzte bei der Nachprüfung, denn Betroffene könnten hohe Ausgaben etwa die Verschreibung von teuren Glaukom-Tropfen erklären und würden dann unter Umständen aus den Regress-Forderungen herausfallen.
Statt Medikamente Wirkstoffe verschreiben
Und Hanno Kummer, Sprecher der Ersatzkassenverbände in Niedersachsen, erklärt, dass sich in diesem Jahr die Lage entspannen könnte, denn das Arzneimittel-Budget auf zwei Milliarden Euro hochgesetzt. "Das gibt mehr Spielraum für die Ärzte, außerdem haben wir neue Regeln vereinbart", sagt er.
Unter anderem erhalten die Mediziner eine Liste mit überteuerten Medikamenten, die sie nicht mehr verschreiben sollen. Der Sprecher ergänzt: "Die Ärzte sollen keine Medikamente verschreiben, sondern nur noch den Wirkstoff. Die Apotheker wählen dann eines der preiswerten Medikamente mit diesem Wirkstoff aus. Auch das spart Geld."













