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01. August 2010
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"Die VW-Verantwortlichen halten die Affäre eher für einen Betriebsunfall"

Hans Leyendecker im Gespräch über seine Buch-Recherche, Korruption, Bestechung, Volkswagen und Siemens


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Herr Leyendecker, nennen Sie bitte spontan einen Namen zum Stichwort Korruption.

Soll ich den Übelsten nennen? Nein, ich nenne den nettesten Manager: Andreas von Zitzewitz, der ehemalige Infineon-Topmanager. Und: Der hat eine tolle Frau. Die hat sechs Stunden Cello gespielt, als die Staatsanwaltschaft ihr Haus durchsuchte.

Haben Sie Manager zu ihrem neuen Buch befragen können?

Doch, ja. Im Fall Siemens waren es immerhin 18 Gesprächspartner. Bei VW war das ungleich schwerer. Bernd Pischetsrieder wollte ich sprechen. Ich wollte wissen, ob er den Peter Hartz loswerden wollte. Aber Pischetsrieder wollte nichts sagen. Bei Ferdinand Piëch habe ich viele Versuche gestartet. Alle vergeblich.

Sind Ihre Recherchen von einem der im Buch behandelten Unternehmen behindert worden?

Nein. Im Gegenteil. Bei Siemens gab es großes Interesse an der Stoßrichtung meines Buches: eine neue Unternehmenskultur. Bei VW hatte ich den Eindruck, dass die Verantwortlichen die Affäre eher für einen Betriebsunfall halten – Piëchs Einfluss ist zu spüren.

Wie haben Sie Ihre Recherche strukturiert?

Akten-Studium und Gespräche. Ich habe versucht, Vorgänge zu klären, auch abseits der Recherchen der Staatsanwaltschaften.

Sie bescheinigen der Siemens-Führungsebene Scheinheiligkeit und Ferdinand Piëch vorgebliche Ahnungslosigkeit. Ist da ein Unterschied?

Ja. Die Siemens-Ebene hat offenbar ein System etabliert, in dem Mitarbeiter glaubten, mit Arroganz und illegalen Zahlungen ans Ziel zu kommen.

Bei Volkswagen ist das anders. Es geht um Korruption in einem Unternehmen.

Gelernt habe ich: Piëch gewinnt immer. Er behauptet, dass er die Vorgänge um Peter Hartz nicht kannte. Das kann ihm keiner widerlegen. Dabei ist es absurd zu glauben, dass Hartz das System in nur einem halben Jahr als eigenes Ding aufgebaut hat. Es heißt nicht umsonst bei VW: Piëch weiß alles, hängt aber nie drin.

Sie haben in der Schilderung der VW-Affäre die Sprache Ferdinand Piëchs – spricht schlecht, liest wenig – und Peter Hartz’ – spricht wie ein pensionierter Schalterbeamter – hervorgehoben. Warum?

Bei Hartz ist es deshalb wichtig gewesen, weil mit seinem Namen eine intellektuelle Leistung verbunden wird. Dabei war er nichts ohne seinen Helfer Helmuth Schuster. Bei Piëch war es wichtig zu beschreiben, dass das ein Mensch ist, der nur Techniker ist. Der braucht keine Sprache.

Helmuth Schuster, ebenfalls Hauptperson in der VW-Affäre, haben Sie recht deutlich Charakterschwäche unterstellt. Sind nicht alle Protagonisten charakterschwach?

Oh, es gibt auch ein paar nette Hauptpersonen. Schuster hat sich ja anfangs gewehrt gegen die Praxis der Spesenabrechnungen. Aber er hat die Bodenhaftung verloren.

Die Bedingungen für das Funktionieren der Korruption setzt ja das Unternehmen, das sie zulässt.

Blöd, wenn man nicht mitmachte, wird mancher gedacht haben – anfangs.

Hans-Joachim Gebauer umschreiben Sie mit "dümmlich im Verstehen". Ist er der Hanswurst in der Affäre?

Ja. Gebauer ist einer, den man in jeder größeren Organisation findet. Der klassische Kofferträger, der immer die Hoffnung hat, irgendwie aufzusteigen.

Ihrer Schilderung nach wirkt die VW-Affäre wie ein perfides Marionettenspiel, in dem Ferdinand Piëch die Fäden zieht. Fehlen da nicht noch ein paar Figuren?

Aber Ja! Ich vermisse Bernd Pischetsrieder. Der hat die Schwächen von Peter Hartz erkannt, und auf einmal gibt es ihn nicht mehr.

Schade, einer, der hingeguckt hat, verschwindet durch die Tapetentür!

Er wäre der in dem Marionettenspiel gewesen, der die Konsequenzen gezogen hätte. So wie es jetzt Peter Löscher als Vorstandsvorsitzender bei Siemens mit einem Anti-Korruptionsvorstand macht.

Aber hat bei Volkswagen jemand aus dem Fall Lopez gelernt? Oder aus der aktuellen Affäre? Bei so einer allmächtigen Figur wie Piëch ist das nicht möglich.

Sprechen wir über die Strafverfolgungsbehörden. Steht die Braunschweiger Staatsanwaltschaft gut da?

Man muss sich fragen, was passiert wäre, wenn Gebauers Anwalt Wolfgang Kubicki nicht den Medienauftritt gesucht hätte, wenn er Gebauer nicht als kleines Licht und Hartz als großen Bösewicht hingestellt hätte, wenn er nicht bemerkt hätte, dass Volkert Sonderzahlungen erhalten hat.

Es ist merkwürdig, dass die Braunschweiger Staatsanwälte nicht gleich losmarschiert sind.

Sind deutsche Staatsanwälte eigentlich für die Wirtschaftskriminalität gerüstet?

Ja. Die sind fit. Aber im Fall VW ist die Person Piëch nicht genug ausgeleuchtet worden. Man hätte härter rangehen können.

Den Deal, den die Braunschweiger Staatsanwaltschaft mit Peter Hartz abgesprochen hat, ist der ein Zeichen für Zaghaftigkeit?

Der Hartz-Deal war auf dem Papier perfekt. Vorbildlich nach dem Muster des Bundesgerichtshofs. Nur die Öffentlichkeit hat den Deal als Ablass-Handel verstanden und so wie bei Hartz wird es vermutlich bald nicht mehr laufen.

Wie würden Staatsanwälte in Bayern vorgegangen sein?

Die Anti-Korruptions-Abteilung einer Staatsanwaltschaft hätte im Fall VW sofort die Konzernzentrale durchsucht und möglicherweise mit Untersuchungshaft gearbeitet. Die Münchner Strafverfolger sind härter.

Könnte ein EU-einheitliches Strafrecht in Sachen Wirtschaftskriminalität hilfreich sein?

Sagen wir, die Deutschen müssen zunächst Hausaufgaben machen und Bestechung von Politikern ernsthaft bestrafen. Dann werden sie auch international ernster genommen. Vereinheitlichen kann man das wohl nicht, das ist auch eine kulturelle Frage.

Welche Elemente amerikanischer Strafverfolgung würden Deutschland gut tun?

Härtere Strafen. Was die Amerikaner beherrschen, ist die Kontrolle der Zuverlässigkeit von Unternehmen mit Hilfe des Unternehmensstrafrechts, das wir nicht kennen. Die Unternehmen müssen aber auch lernen, sich selbst zu kontrollieren; ein Null-Toleranz-Gebot haben. Wer nicht funktioniert, wird gefeuert.

General Electric macht das vor und ist – weitgehend zumindest – ohne Korruption erfolgreich.

Freitag, 02.11.2007
Quelle: http://www.newsclick.de/index.jsp/artid/7510644/menuid/472005

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