Selbständigkeit ist die beste Vorbeuge
Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen im Interview: "Kinderarmut ist nicht nur finanzielle Armut"
Kinderarmut ist eines der beschämendsten Probleme unseres Landes, sagt Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU). Mit ihr sprach unser Berliner Korrespondent Christian Kerl.
Frau Ministerin, wann ist ein Kind arm?
Ein Kind ist arm, wenn es nicht mehr teilhaben kann an der Gesellschaft. Kinderarmut ist also nicht nur finanzielle Armut, sondern auch Bildungs- und Gesundheitsarmut. Es sind die Fesseln, die Kinder hindern, ihre Fähigkeiten zu entfalten. Armut ist eines der beschämendsten Probleme unseres Landes. Und jeder an seiner Stelle muss sich einsetzen, dass wir hier auch im Vergleich zu anderen Ländern deutlich besser werden.
Gibt es Schätzungen, wie groß das Problem tatsächlich ist?
Die Unicef-Definition sagt, arm ist jemand, wenn er weniger als 50 Prozent des durchschnittlichen Einkommens der Bevölkerung zur Verfügung hat. Dann fallen in unserem Land zwischen 2,2 und 2,3 Millionen Kinder unter den Begriff der Armut.
Hat die Politik das Problem unterschätzt?
Politik hat viele Jahre zu wenig Augenmerk darauf gerichtet, wie man Menschen, die Kinder haben, darin unterstützt, dass sie ihren Lebensunterhalt verdienen und dadurch unabhängig werden können. Nicht Kinder machen arm, sondern Kinder leben in Armut, wenn die Eltern keine Arbeit haben und die beste Vorbeugung gegen Armut ist dafür zu sorgen, dass junge Eltern auf eigenen Füßen stehen können und die Kinder früh gute Bildung bekommen. Das sind die großen Pfeiler, die mittel- und langfristig die Zahlen der Kinderarmut senken.
Was muss die Politik dann vordringlich tun?
Jede Ebene hat unterschiedliche Verantwortlichkeiten. Auf Bundesebene ist es entscheidend, jungen Eltern, die Zeit mit ihren Neugeborenen brauchen, am Anfang finanzielle Hilfen zu geben, damit das Einkommen nicht wegbricht. Das tun wir jetzt mit dem Elterngeld. Der zweite Schritt in gemeinsamer Verantwortung von Bund, Ländern und Kommunen ist die gute Kinderbetreuung damit sich Familie und Beruf vereinbaren lassen, damit vor allem Alleinerziehende wieder Fuß Fuß fassen können und auf Dauer Einkommen verdienen. Und damit Kinder aus Familien, in denen Bildung nichts zählt, deutlich vor der Einschulung gute Bildungsangebote bekommen. So kommen die Kinder aus dem Teufelskreis von Bildungsarmut und Abhängigkeit von staatlichen Leistungen heraus.
Was ist noch wichtig?
Auf Landesebene sind natürlich gute Schul- und Ausbildungsstrukturen, die gezielt benachteiligte Kinder fördern, wichtig. Und auf der kommunalen Ebene brauchen wir gute Jugendarbeit, gekoppelt mit ehrenamtlichen Strukturen von Vereinen und Verbänden: Wenn die gut funktionieren, bekommen Kinder, die sonst keine Chance haben, viele Möglichkeiten vom Musikunterricht bis zur Sport- und Hausaufgabenhilfe.
Was kann man privat tun, wenn man von Kinderarmut in der eigenen Stadt, der eigenen Gemeinde erfährt?
Das ehrenamtliche Engagement ist für eine kinderfreundliche Gesellschaft unverzichtbar. Der Riesenvorteil ist, dass die Menschen vor Ort genau wissen, wo der Schuh drückt. Sie kennen die Familien, die es schwer haben, sie wissen, was in der Nachbarschaft ein echtes Problem ist. Deshalb können sie gezielt aktiv werden. Oder sie sammeln Geld oder Sachen für Projekte, die sie kennen. Oder man gründet eine Bürgerstiftung, gemeinsam mit anderen, um ein bestimmtes Problem vor Ort zu lösen. Und natürlich lässt sich wirklich etwas bewegen, wenn Medien eine Spendenaktion ins Leben rufen, an der sich viele Menschen beteiligen können.













