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12. Februar 2012
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Die einzige Jeans trocknet nachts auf der Heizung

Was heißt Kinderarmut in Deutschland? Ein Interview mit dem Kinderschutzbund-Präsidenten Heinz Hilgers


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Die Kinderarmut ist ein dringendes deutsches Problem. "Das goldene Herz", die Spendenaktion unserer Zeitung, will dagegen vorgehen.

Aber warum nimmt die Kinderamut überhaupt so zu – und was können Politiker und Bürger tun? Darüber sprach unser Redakteur Christian Kerl mit dem Präsidenten des Deutschen Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers.

Herr Hilgers, wie groß ist das Problem Kinderarmut wirklich?

Eine harte Zahl ist die der Kinder bis 18 Jahren, die auf dem früheren Sozialhilfeniveau leben – also die in Familien aufwachsen, die Hartz IV bekommen, Sozialleistungen für Nicht-Erwerbsfähige oder Leistungen für Asylbewerber erhalten. Das sind heute 2,6 Millionen Kinder, jedes sechste Kind in Deutschland. 2003 waren es erst 1,1 Millionen.

Rechnet man noch die ein, die knapp über diesem Sozialhilfeniveau liegen, komme ich sogar auf ein Drittel. Die Betroffenen erkennen bedrückt: Der großen Mehrheit der Kinder in Deutschland geht es sehr gut, deren Eltern kümmern sich liebevoll, sie haben Chancen wie nie eine Generation zuvor – nur diesem Drittel nicht. Diese Kinder haben Risiken wie nie zuvor. Die Schere geht gewaltig auf.

Warum ist die Zahl der Kinder in Armut so gestiegen?

Zum einen war die frühere Arbeitslosenhilfe höher als heute das Arbeitslosengeld II. Auch bestimmte Leistungen wie das Kindergeld wurden nicht angerechnet.

Durch Hartz IV hat sich das Problem also verschärft. Dann gibt es immer mehr Globalisierungsverlierer – Familien, die trotz Erwerbsarbeit zu wenig verdienen und durch Hartz IV aufstocken müssen.

Allein 700 000 Kinder leben in Familien, in denen die Eltern fleißig arbeiten gehen, und das Geld reicht trotzdem nicht. Und dann gibt es die Gruppe der Alleinerziehenden, die in vielen Regionen immer noch nicht Kind und Beruf miteinander vereinbaren können, weil es keine Betreuungsplätze gibt.

Was heißt Armut für die Kinder im Alltag?

Sie haben nur eine Jeans, die wird nach dem Waschen nachts auf der Heizung getrocknet. Diese Kinder werden krank, wenn der Klassenausflug ansteht, und lehnen Einladungen zur Geburtstagsfeier ab, weil sie kein Geschenk mitbringen können. Selbst wenn sie das Glück haben, einen Platz an einer Ganztagsschule zu bekommen, werden sie dort abgemeldet, weil man von 2,56 Euro täglich zum Essen nicht 2,70 Euro für das Mittagessen bezahlen kann.

Sie sind in keinem Sportverein, können nicht zur Musikschule und sind bei der Gesundheitsvorsorge benachteiligt – mit allen Folgen für das spätere Leben. Da tickt eine Zeitbombe: Diese Kinder werden zu einem großen Teil später wieder Leistungsempfänger.

Unterschätzen dies die Politiker?

Ja, das tun sie seit vielen Jahren und nach wie vor. Wir als Kinderschutzbund haben schon vor 20 Jahren mit der Kampagne "Reiches Land – arme Kinder" auf das Problem aufmerksam gemacht. Jetzt wird das Problem zwar diskutiert, es gibt Arbeitsgruppen. Aber gleichzeitig steigt trotz guter Konjunktur die Zahl der Kinder in Armut, obwohl es insgesamt immer mehr weniger Kinder gibt. Wir brauchen deshalb dringend einen Kurswechsel der Politik.

Was muss vordringlich passieren?

Zunächst ein Paradigmenwechsel in der Frage, welche Kinder in Ganztagseinrichtungen aufgenommen werden – gerade für die armen Kinder, deren Eltern beide arbeitslos sind, sind Ganztagsangebote in Krippen, Kindergärten und Schulen sehr wichtig, damit sie dort Anregungen bekommen und gleiche Chancen haben.

Wir brauchen dringend einen wirksamen Kinderzuschlag zu niedrigen Einkommen, um die Kinder aus Hartz IV herauszuholen.

Das hat die Koalition zugesagt...

Die Große Koalition hat das schon für 2006 versprochen, in diesem Sommer für 2008 angekündigt. Jetzt ist nur der alte, unwirksame Zuschlag verlängert. Selten sind Versprechen gegenüber armen Kindern so gebrochen worden wie in diesem Fall. Der Kinderzuschlag muss höher sein als der bisherige – also mindestens 175 Euro beziehungsweise 225 Euro ab dem dritten Kind –, er darf nicht befristet werden und braucht gleitende Übergänge.

Dann muss die Leistung für Kinder bei Hartz IV von 60 auf 80 Prozent des Regelsatzes erhöht werden, außerdem müssen die einmaligen Hilfen für Bekleidung und Schulbedarf wieder eingeführt werden. Und wir brauchen eine aufsuchende Sozialarbeit, die früh nach der Geburt bei den Betroffenen ist – je früher die Hilfe, desto besser wirkt sie.

Was kann man privat tun?

Es gibt Stiftungen und Organisationen, für die man sich engagieren kann. Ein großes Problem ist zum Beispiel, dass Kinder nicht in Ganztagsschulen angemeldet werden, weil sie das Mittagessen nicht bezahlen können.

Aktionen, die da helfen, sind wichtig. Oder Initiativen, die über pädagogische Mittagstische dafür sorgen, dass kein Kind ohne warmes Mittagessen ist. Mit leerem Bauch lernt es sich schlecht – dass es so etwas bei uns gibt, ist ein Skandal.

 

LEBENS-DATEN :

Heinz Hilgers wurde 1948 in Dormagen geboren. Der SPD-Politiker saß im nordrhein-westfälischen Landtag und ist seit 1993 Präsident des Deutschen Kinderschutz-Bundes, in dem rund 50 000 Menschen organisiert sind.

Im Mai 2007 wurde er mit 99 Prozent Zustimmung wiedergewählt.

Montag, 03.12.2007
Quelle: http://www.newsclick.de/index.jsp/artid/7653280/menuid/472005

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