"Paare wollen heutzutage Kinder, wenn die Fruchtbarkeit nachlässt"
Mediziner: Eizellen-Spende sollte auch in Deutschland zugelassen werden, solange die Frau unter 50 ist
Jahrelang haben sie sich ein Kind gewünscht, die Frau hatte mehrere Fehlgeburten – doch dieses Mal hat es geklappt: Vor wenigen Tagen ist eine 64-Jährige aus Aschaffenburg zum ersten Mal Mutter geworden. Sie hatte sich im Ausland die Eizelle einer jungen Spenderin einsetzen lassen. Diese Zelle war zuvor mit dem Samen ihres Mannes befruchtet worden.
In Deutschland ist das nach dem Embryonenschutzgesetz verboten. Ein Arzt muss mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren rechnen, wenn er den Eingriff doch vornimmt.
Klaus Bühler, Mediziner am Kinderwunsch-Zentrum Langenhagen- Wolfsburg, gehört zu den Medizinern, die sich für die Spende von Eizellen aussprechen. Ihm zufolge gibt es dafür zwei Gründe: Einerseits haben manche Frauen schon im jungen Alter keine befruchtungsfähigen Eizellen. Das kann zum Beispiel der Fall sein, wenn die Funktion der Eierstöcke gestört ist.
Andererseits bekommen Frauen heutzutage später Kinder als früher. "Paare wollen noch Kinder, wenn die Fruchtbarkeit schon nachlässt. Viele glauben, mit 40 geht das noch ohne Probleme – das ist aber nicht so. Die Eierstöcke funktionieren nicht mehr wie in jüngeren Jahren. Trotzdem ist es gesellschaftlich akzeptiert, dass eine Frau in dem Alter ein Kind bekommt."
Bisher gehen die betroffenen Paare ins Ausland. Bühler schätzt, dass die Behandlung in Osteuropa 5000 Euro kostet. Allerdings sei dort nicht viel über die Qualität bekannt. In anderen Ländern wie Belgien müsse man ungefähr mit 8000 bis 10 000 Euro rechnen. Für Spenderin und Empfängerin gebe es kaum Risiken.
Bühler ärgert sich über den Fall der 64-Jährigen. "Vorher waren die Chancen schon gering, dass deutsche Politiker die Eizellen-Spende irgendwann zulassen. Aber jetzt sieht es ganz schlecht aus. Dieser Fall ist aufgrund des hohen Alters ein Missbrauch dessen, was möglich ist. Und die deutsche Sichtweise ist: Möglicher Missbrauch verhindert den Gebrauch. Man könnte aber durchaus Beschränkungen festlegen", sagt er.
Laut Bühler sollte sich eine Eizell-Spende am natürlichen Fortpflanzungsvermögen orientieren. "Frauen kommen in Europa im Allgemeinen mit 45 bis 50 Jahren in die Wechseljahre. Also muss dort die Grenze liegen. Alles darüber hinaus ist nicht mehr Ausdruck der Liebe zum Kind, sondern Egoismus."
Heiko Franz, Chefarzt der Frauenklinik Braunschweig, hält ebenfalls nichts von einer künstlichen Befruchtung nach den Wechseljahren. "Ich sehe keine Notwendigkeit, die gesetzlichen Bestimmungen für diese Altersgruppe zu ändern", sagt er.
Werden Eltern überhaupt einem Kind gerecht, das längst ihr Enkel sein könnte? Doris Kahlert, Leiterin der Wolfsburger Erziehungsberatung, bezweifelt das. Zwar seien sie sicher in der Lage, ein Baby zu versorgen und ihm ein Urvertrauen zu vermitteln.
"Aber sie werden Probleme haben, mit ihrem Kind Ball zu spielen. Ihnen wird auch die Kraft fehlen, angemessen zu reagieren, wenn das Kind seine Grenzen austestet", sagt sie. Außerdem frage sich das Kind ab einem Alter von zehn oder zwölf Jahren: Wie lange habe ich meine Eltern noch?
STICHWORT: Künstliche Befruchtung
Das erste Baby kam 1978 durch eine künstliche Befruchtung auf die Welt. Seitdem wurden weltweit drei Millionen Kinder auf diese Weise geboren.
In Deutschland waren es in den vergangenen zehn Jahren 100 000 Kinder. Seit der Gesundheitsreform im Jahr 2004 sinken die Zahlen, weil die gesetzlichen Krankenkassen weniger Kosten als bisher übernehmen.













