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15. März 2010
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"Wir leben unter unseren Verhältnissen"

Friedhelm Hengsbach über Großbanken, Hartz-IV-Karrieren, mehr Freizeit und die Leistung von Frauen


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Manfred Casper: Steht das Gewinnstreben eines Unternehmens im Gegensatz zu sozialen Maximen?

Grundsätzlich nicht. Gewinn zeigt, dass ein Unternehmen am Markt erfolgreich ist. Dagegen ist nichts einzuwenden. Die Frage ist aber: Wie wird der Gewinn definiert – kurzfristig als Restgröße, die durch extremen Druck auf Löhne, Lohnnebenkosten und Steuern entsteht; oder als langfristige, nachhaltige unternehmerische Wertschöpfung?

Es gibt keinen Widerspruch zwischen sozialer Verantwortung und gewinnorientiertem Handeln, wenn die Arbeitnehmer an der Wertschöpfung angemessen beteiligt sind, und wenn die Nutzung der Natur entgolten wird, genauso wie die unentgeltliche Vorleistung der Frauen bei der Wiederherstellung vorhandener und der Bildung zukünftiger Arbeitskräfte.

Harald Welge: Wie steht es um die soziale Marktwirtschaft? Haben wir uns schon von ihr verabschiedet?

Seit der Krise Mitte der 70er Jahre, also seit der Dominanz der Finanzmärkte, ist das Gleichgewicht zwischen wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und sozialem Ausgleich gestört. Um dies wiederherzustellen, wird jetzt gekämpft. Im vergangenen Jahr war es zum ersten Mal seit längerer Zeit möglich, Lohnabschlüsse zu erzielen, die über den bloßen Inflationsausgleich hinausgehen.

Soziale Marktwirtschaft funktioniert nur, wenn Arbeitnehmer und Arbeitgeber auf halbwegs gleicher Augenhöhe verhandeln, und wenn Arbeitnehmer das Recht haben, eine angebotene Arbeit abzulehnen. Deswegen sind die sozialen Sicherungssysteme so wichtig: Sie garantieren, dass für den Notfall gesellschaftlicher Risiken wie Arbeitslosigkeit, Armut und Berufskrankheit der Lebensunterhalt gesichert bleibt.

Eva Stassek: Die Zahl der Milliardäre steigt, Manager erhöhen sich ihre Gehälter, Gewinnerwartungen werden immer höher geschraubt. Warum wird diese Mentalität im Moment so ausgelebt?

Das Problem hat meiner Meinung nach strukturelle Ursachen.

Die Massenarbeitslosigkeit hat die Machtverhältnisse zwischen den Tarifpartnern extrem verschoben. Da wird nicht mehr auf gleicher Augenhöhe verhandelt.

Seit Mitte der 70er Jahre hat Geld die Funktion, nicht mehr nur Tauschmittel zu sein, sondern auch Wertspeicher. Die Wirtschaftspolitik konzentriert sich weniger auf Vollbeschäftigung oder Wachstum und vielmehr auf die Bekämpfung der Inflation, um diesen Wertspeicher zu erhalten.

Große Konzerne, aber auch mittelständische Unternehmen messen ihre Rentabilität nicht mehr daran, ob sie Erfolg am Markt haben – indem sie real investieren, Kundenbedürfnisse befriedigen, Arbeitskräfte einstellen und denen ein Einkommen geben, mit dem die Güter gekauft werden. Stattdessen wird zum Maß der Rentabilität, was auf den Finanzmärkten erreichbar ist.

Hinter dieser Machtverschiebung stehen die Kapitaleigner auf den internationalen Finanzmärkten: Großbanken, Versicherungskonzerne, Pensionsfonds, Investmentfonds – und die Politiker, die diesen Prozess zugelassen haben.

Harald Welge: Die meisten Menschen denken betriebswirtschaftlich und suchen ihren Vorteil. Wie lässt sich das Bewusstsein wecken, dass jeder von uns nur in der Vernetzung mit anderen besteht – dass man also den Blick aufs Ganze braucht?

Die Kirchen könnten aus einer ethischen oder religiösen Perspektive argumentieren: Es gibt keine Wirtschaft, die nicht in die Gesellschaft eingebettet ist.

Was Sie beschreiben, drückt sich darin aus, dass die Ursachen der Krise durch individuelles Versagen erklärt werden. Gesellschaftliche Risiken wie Arbeitslosigkeit, Altersarmut, berufsbezogene Krankheiten oder die Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht wurden individualisiert. Und dann fragt man: Warum soll die Solidargemeinschaft für Risiken gerade stehen, die individuell verursacht sind?

Man hat die sozialen Sicherungen schlecht geredet und verlangt, dass die private Vorsorge an deren Stelle tritt. Vorsorge ist für Wohlhabende natürlich kein Problem, aber ein Großteil der Bevölkerung ist damit überfordert.

Die Reaktion der Politiker auf diesen Feldzug gegen den Sozialstaat war die Agenda 2010. Hartz IV ist eine Fehlkonstruktion, weil Druck auf Arbeitslose unwirksam ist, wenn die Jobs nicht da sind. Vor allem arbeitslosen Jugendlichen bleibt nichts anderes übrig, als mit Hilfe von Sozialpädagogen eine Hartz-IV-Karriere zu planen. Eine Gesellschaft, die das duldet, ist korrupt.

Eva Stassek: Wie stehen Sie zu den Forderungen der Gewerkschaften, die Altersteilzeit fortzuführen und das Rentenalter herabzusetzen?

Die Produktivitätsfortschritte gestatten eine allgemeine Verkürzung der Arbeitszeit. Die abhängig Beschäftigten sollten die wachsende Produktivität in Form von mehr Einkommen und/oder mehr Freizeit nutzen können. Dagegen erzeugt die Forderung der Unternehmen nach unbezahlter Mehrarbeit eine gespaltene Gesellschaft: Die einen werden zu Überstunden genötigt, die anderen sind arbeitslos. Diese unfaire Verteilung kann nicht durch eine Verlängerung der Arbeitszeit, sondern nur über eine kollektive Verkürzung und andere Verteilung der Arbeitszeit behoben werden.

Manfred Casper: Aber wie sollte dann Ihrer Meinung nach das Problem der Rentenfinanzierung gelöst werden, ohne dass die Lebensarbeitszeit erhöht und private Vorsorge verstärkt wird?

Erstens: Der Zusammenhang zwischen Lebensalter, Wachstum und Produktivität beweist, wie verfehlt die Debatte zum Rentenbeginn ist. Die Lebenserwartung hat sich in den letzten 100 Jahren verdoppelt, die Menge der Güter und Dienste wurde in den letzten 50 Jahren verachtfacht. Gleichzeitig wurde das Arbeitsvolumen reduziert.

Zweitens: Zwei Prozent Wachstum würden reichen, um alle Rentenprobleme zu lösen.

Diese Wachstumsmöglichkeiten werden derzeit blockiert – aber es gibt Bereiche, in denen Wachstum und mehr Beschäftigung möglich sind: Bildung, Gesundheit, Freizeit sowie Kultur. Die deutsche Bevölkerung lebt unter ihren Verhältnissen, weil viele private Bedürfnisse unbefriedigt und öffentliche Aufgaben unerledigt sind. Mehr private und öffentliche Investitionen sowie mehr kaufkräftige Nachfrage würden diese Wachstumsmöglichkeiten erschließen.

Zur Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme sollten nicht ausschließlich die Arbeitseinkommen herangezogen werden. Eine "demokratische" Solidarität schließt alle Personen im Geltungsbereich einer Verfassung ein – das ist eine Art Bürgerversicherung – und alle Einkünfte die entstehen, werden beitragspflichtig.

Wir sind so auf die Erwerbsarbeit fixiert und haben die beiden anderen wichtigen Arbeitsformen nicht im Blick: ziviles Engagement und private Beziehungsarbeit. Alle drei Arbeitsformen sind auf die zwei Geschlechter fair zu verteilen.

Eva Stassek: Die Einnahmen des Staates sinken seit Jahren, und dadurch fehlen Gelder für Bildung und Gesundheit. Was muss denn geschehen, um diese Sektoren zu sichern und nutzbar zu machen?

Ein Teil dieser Güter sind Grundrechte. Diese kann der Markt allein nicht gewährleisten. Für öffentliche Güter muss sich der Staat viel intensiver engagieren. Dazu braucht er Einnahmen. Deswegen ist es eine völlig widersinnige Politik, auf der einen Seite Gesundheit, Bildung und Kultur als die großen gesellschaftlichen Ziele anzusehen, und sich gleichzeitig zu weigern, die dafür notwendigen Steuern einzunehmen – und zwar aus der hoch produktiven Industrie und aus den durch spekulative Gewinne ertragsstarken Finanzunternehmen.

Manfred Casper: Was können die Kirchen tun, damit die Gesellschaft mit ihrer Hilfe besser aussieht?

Die Kirchen brauchen Kontakt zu den Gruppen, die mit den Arbeitslosen und Bedürftigen zu tun haben. Im Gottesdienst feiern wir die große Gemeinschaft aller Menschen mit Gott. Leider schließen wir gerade darin die Menschen aus, denen gegenüber unser Glaube praktisch werden sollte.

 

LEBENSDATEN: Friedhelm Hengsbach, Jesuit und Sozialethiker

Friedhelm Hengsbach wurde 1937 in Dortmund geboren.

Nach dem Abitur trat er in den Jesuitenorden ein und studierte anschließend Philosophie, Theologie und Wirtschaftswissenschaften. 1967 wurde er zum Priester geweiht.

An der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georg in Frankfurt am Main war er von 1977 bis 1982 Lehrbeauftragter sowie von 1985 bis zu seiner Emeritierung 2005 Professor für Christliche Sozialwissenschaft und Wirtschafts- und Gesellschaftsethik.

Das Nell-Breuning-Institut für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik leitete er von 1992 bis 2006.

Dienstag, 08.01.2008
Quelle: http://www.newsclick.de/index.jsp/artid/7794032/menuid/472005

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