"Wer aus dem Krieg kommt, ist ein anderer Mensch"
Der Wolfsburger Achim Wohlgethan war im Afghanistan-Einsatz: Sein Tagebuch klettert auf der Bestsellerliste in die Spitzengruppe
Achim Wohlgethan hat den Tod gesehen und das Leben: Der Wolfsburger war zwei Jahre lang Soldat beim Nato-Einsatz in Afghanistan. "Ich war im Krieg", sagt er. "Ich will nichts beschönigen."
"Deutschland ist im Krieg in Afghanistan", sagt der 41-Jährige. Sein Tagebuch "Endstation Kabul" ist vor drei Wochen erschienen. Ein Bestseller, den schon 35 000 Menschen gelesen haben. "Wer aus dem Krieg kommt, ist ein anderer Mensch", sagt Buch-Autor Achim Wohlgethan.
Hat er an den Tod gedacht, als er im Kampfanzug, mit Helm und Sturmgewehr G36 auf Patrouille war? "Natürlich", sagt er. "Der Tod gehört zum Leben." Kameraden von Achim Wohlgethan sind gestorben in Afghanistan.
"Warum sind wir dort?", fragen ihn die Menschen, wenn er in Buchhandlungen und Stadthallen quer durch die Republik aus seinem Buch liest. "Wir sind dort, weil die Nato gegen die Taliban kämpft", sagt er nüchtern und kennt doch auch die Zweifel: Müssen wir am Hindukusch sein?
Es ist das Jahr 2002 und der Stabsunteroffizier Achim Wohlgethan, geboren in einer Dachgeschosswohnung im Rilkehof in Wolfsburg, hat die härtesten Monate seines Lebens hinter sich. Er steht am Gleis 1 am Wolfsburger Hauptbahnhof und Achim Wohlgethan sieht zum ersten Mal, wie seine Mutter weint. "Das hat mich sehr bewegt." So kannte er seine Mutter nicht.
Wohlgethan hat an seinem Bestseller im italienischen Bistro seines Freundes Nando Costatini an der Piazza-Italia in der Wolfsburger Innenstadt gearbeitet. Stunden, in denen die Geschichte seines Lebens als Afghanistan-Kämpfer wieder wie ein Film im Kopfkino flimmerte.
Für Mama Bruna, die ihrem Sohn im Lokal hilft, ist der kräftige Kerl da hinten im Bistro immer noch der kleine Achim, dem sie als Jungen die Pasta gekocht hat.
Aber Achim Wohlgethan ist ein anderer, als er im Oktober 2007 nach Wolfsburg, in seine Geburtsstadt, zurückkehrt. "Du hinterlässt eine Lücke, wenn du gehst. Und wenn du wieder zu Hause bist, ist das nicht mehr dein Zuhause, dann ist die Lücke gefüllt." Es ist wie in Wolfgang Borcherts Weltkriegs-Drama "Draußen vor der Tür". Achim Wohlgethan ist wieder in Wolfsburg, aber nicht daheim. Er ist bei Freunden. Er ist auch ein Fremder.
Liebesgeschichten zerbrechen am Krieg in Afghanistan. Kein Herz hält so viel Schmerz aus. Bis zu 200 Kilometer weit fahren ehemalige Soldaten der Bundeswehr, um Achim Wohlgethan zuzuhören, wenn er aus seinem Buch liest. "Ich bekomme unglaublich viel Post", sagt er. Viele haben Tränen in den Augen, wenn er berichtet. Die Bilder kommen bei allen wieder. "Und vielen, die mir zuhören, die den Einsatz in Afghanistan nur aus dem Fernsehen kennen, wird jetzt erst deutlich, dass Deutschland im Krieg ist."
Achim Wohlgethan ist ein stiller Krieger, wenn man ihn trifft. Auf den Bildern, die ihn in Afghanistan zeigen, lächelt er manchmal. Aber er hat zu viele Tote, zu viel Leid gesehen, um befreit zu lachen. "Der Einsatz macht einsam", sagt er leise. Er lasse kaum einen Menschen an sich heran. Wie sehr der Krieg Männer wie Achim Wohlgethan verändert, kann man auf der letzten Seite des Buches "Endstation Kabul" erfahren. Es ist der 5. November 2003. Er ist nach Heimaturlaub zurück in Afghanistan. "Ich war wieder zu Hause", schreibt er in sein Tagebuch.













