"Das Foto des Jungen ließ mich nicht los"
Der Schriftsteller Robert Domes hält zuweilen innere Zwiesprache mit einem Jungen, der nicht leben durfte
Der Journalist und Autor Robert Domes hat für den Roman "Nebel im August" die Geschichte Ernst Lossas recherchiert. Katrin Teschner sprach mit Domes.
Herr Domes, Sie haben viele Jahre für Ihr Buch recherchiert, Akten gewälzt, Berichte studiert, Zeitzeugen befragt. Begleitet Sie das Schicksal von Ernst Lossa auch heute noch?
Ich habe fünf Jahre mit viel Hingabe an dem Roman gearbeitet, da ist es gut, dass ich mich auch wieder mit anderem beschäftigen kann. Es freut mich aber, dass sich inzwischen viele Menschen melden; Zeitzeugen, deren Angehörige auch in Konzentrationslagern oder Anstalten ums Leben kamen und die dankbar sind, dass ich diese Geschichte geschrieben habe. Manchmal spaziere ich zu der Stelle, wo Ernst Lossa begraben liegt und halte innere Zwiesprache mit ihm. Eine Verbundenheit ist da.
Sie haben einmal gesagt, dass Sie die Geschichte von Ernst Lossa gar nicht schreiben wollten, weil sie zu grausam, zu bedrückend ist. Warum haben Sie es trotzdem getan?
Der Direktor des Bezirkskrankenhauses in Kaufbeuren hatte mir die Krankenakte von Ernst Lossa zu lesen gegeben, er überredete mich, ein Buch daraus zu machen. In dieser Akte fand ich das Foto des Jungen; das Bild hat mich nicht mehr losgelassen. Mich faszinierte dieser Blick: eine Mischung aus Sehnsucht und Kampfeslust. Ich sah etwas Aufmüpfiges und zugleich Trauriges, Mutiges und Angst. Da hatte mich die Neugier gepackt, und sie ließ mich nicht mehr los.
Aber Sie hatten nur wenig in der Hand. Sie mussten die Geschichte des Ernst Lossa mühsam wie ein Puzzle zusammensetzen und ihr dann auch noch Leben einhauchen. Wie viel Wahrheit steckt in dem Buch, wie viel Fiktion?
Die Amerikaner haben nach der Besatzung Ärzte, Pfleger und Zeugen in der Anstalt befragt und viele Protokolle hinterlassen. Ein Glückstreffer half mir, die Geschichte des NS-Erziehungsheims in Markt Indersdorf zu erforschen: 40 Kartons mit Zöglings-Akten lagen im Keller des Instituts für Zeitgeschichte.
Schwierig war das Innenleben, ein Leben im Verborgenen. Ernst Lossa hatte keine persönlichen Aufzeichnungen hinterlassen. Weil ich seine Person aber mit Leben füllen wollte, habe ich mich für die Romanform entschieden. Die Fakten stimmen alle, auch alle Figuren hat es wirklich gegeben. Dialoge, Gedanken und Gefühle fügte ich hinzu.













