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01. August 2010
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Die vergessenen Kinder, die im Leichentuch fortgetragen wurden

Die Geschichte des "Zigeuners" Ernst Lossa, der ins Visier der Nazis geriet und sterben musste

Von unserer Korrespondentin Katrin Teschner, Brüssel

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Klack-schlurf-klack. So hört sich der nahende Tod an. Ernst Lossa liegt im Kinderzimmer der Anstalt von Irsee, gerade einmal 14 Jahre ist er alt. Er ist aus seinem Dämmerschlaf erwacht, er hört die Schritte des Pflegers auf dem Gang – klack-schlurf-klack – und er weiß, dass das nichts Gutes bedeutet.

Er hat dieses Geräusch schon oft gehört – und meist starben Patienten, wenn Pfleger Heichele spät am Abend im Zimmer auftaucht. Kinder, die vor wenigen Stunden noch putzmunter waren, liegen am nächsten Morgen schlaff in ihren Betten, sie röcheln nur noch, und einen Tag später werden sie im Leichentuch fortgetragen.

Es ist ein warmer Abend im August 1944, der Tag, an dem auch Ernst Lossa sterben muss. Bedrückend und dicht ist die letzte Szene des Romans "Nebel im August", in dem der Journalist Robert Domes das Sterben des Ernst Lossa in einer bayerischen Heil- und Pflegeanstalt beschreibt.

Rund 200 000 psychisch kranke Menschen werden in der Nazi-Zeit zwischen 1939 und 1945 hingerichtet, Ärzte und ihre Mithelfer erklären sie für "lebensunwert", sie werden entwürdigt, gequält und ermordet. Auch Ernst muss sterben – obwohl er weder behindert noch geisteskrank ist.

An jenem Abend im August bekommt er zwei Morphiumspritzen. Sie versetzen ihn in eine Bewusstlosigkeit, aus der er nicht mehr erwacht. Das Kind wird zum Opfer des menschenverachtenden und verlogenen Menschenbilds der Nazis, weil er nicht ins System passt. Er wird hingerichtet, weil er ein Außenseiter ist.

Jahrelang hat Domes die wahre Geschichte des Jungen recherchiert. Mühsam hat er sein Leben rekonstruiert, die Fakten zusammentragen, um den Opfern wieder eine Stimme zu geben. Denn obwohl sich viele Experten mit dem Euthanasie-Programm der Nazis beschäftigt haben, blieb das Leben der psychisch Kranken und Behinderten hinter den Anstaltsmauern weitestgehend im Dunkeln.

Geholfen haben dem Autor bei seinen Recherchen unter anderem die Aufzeichnungen der Amerikaner, die nach dem Krieg die Morde an den Patienten in der bayerischen Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren/Irsee untersucht hatten. Sie waren auf Ernsts Kranken-Akte gestoßen, sie hatten sich gefragt, warum ausgerechnet dieser Junge Opfer des perversen Rassen- und Auslesewahns im Hitler-Staat geworden war. Wer ist Ernst Lossa? Er ist kein Held, sagt Domes. Aber gleichwohl einer, der sich der Obrigkeit widersetzt, sich dem Regime nicht gebeugt hat.

Ernst Lossa wird 1929 als Kind fahrender Händler geboren. Seine Familie gerät 1933 ins Visier der Nazi-Bürokratie. Mit knapp vier Jahren wird der Junge aus der Familie gerissen, er wächst in einem Waisenhaus auf und entwickelt sich dort zu einem schwer erziehbaren Jungen, der stiehlt und lügt. Mit zehn Jahren schieben ihn die Nonnen in ein nationalsozialistisches Erziehungsheim ab, doch auch dort ordnet sich Ernst nicht unter. Eine Gutachterin beschreibt ihn als "asozialen Psychopathen". Zwei Jahre später kommt er in ein Irrenhaus – er ist zwar nicht geisteskrank, doch als "Zigeuner" und "Asozialer" steht er ganz oben auf der Liste der Menschen, die das Hitler-Regime verfolgte.

Robert Domes erzählt die Geschichte aus der Perspektive des Jungen, in einer einfachen, schnörkellosen Sprache. Er beschreibt sein Leben im Verborgenen, das Leid der Patienten, die von der Außenwelt abgeschottet wurden.

Hier sind die vergessen Kinder. Sie bekommen nie Besuch, keine Mütter, Väter, Onkel, Tanten bringen Kuchen oder eine selbst gestrickte Wolljacke. Sie sind einfach hier abgegeben worden und dann verlorengegangen. Weil man sie vergessen hat, verschwinden sie, werden immer dünner, immer durchsichtiger. Und eines Morgens dann ist ihr Bett leer, und ein neues Kind wird hineingelegt.

Domes schreibt aber auch über Streiche, er lässt die Kinder lachen und streiten. Er macht aus Ernst keinen Widerstandskämpfer, sondern lässt ihn so sein, wie er offenbar war: ein ganz normaler Junge.

Umso erschütternder ist es, dass der 14-Jährige schon sehr früh durchschaut, was in der Anstalt vor sich geht. Er hört von Bussen, in die die Kranken reingetrieben werden wie Vieh und die leer wieder zurückkommen. Er beobachtet die Pfleger, die Richter über Leben und Tod werden, wie sie tödliche Tabletten verteilten und Spritzen setzten.

Er kennt seine Mörder. Am Tag vor seinem Tod gibt er einem Vertrauten sein Foto. Es ist ein Porträt, auf dem er aufmüpfig und traurig zugleich schaut. "Zum Andenken", hat er mit Bleistift daraufgekritzelt.

Nach dem Krieg, 1949, stehen die Angestellten der Anstalt Kaufbeuren/Irsee wegen gemeinschaftlichen Mordes vor Gericht. Der Direktor wird zu drei Jahren Haft verurteilt, der Pfleger Heichele zu einem Jahr – wegen Anstiftung zur Beihilfe zum Totschlag beziehungsweise Beihilfe zum Totschlag.

"Offensichtlich war das Interesse an der Aufklärung der Verbrechen und Bestrafung der Täter nicht sehr groß", schreibt Domes in seinem Nachwort. "Nach drei Wochen Verhandlung war von der Mordanklage nichts mehr übrig. So gab es am Ende des Krieges zwar mehr als 2300 getötete Patienten in Kaufbeuren und Irsee, aber es gab nur Helfer bei den Mordtaten.

Laut Justiz sind es bis heute Morde ohne Täter. In Robert Domes’ Roman bekommen die Täter wieder ein Gesicht.

Freitag, 28.03.2008
Quelle: http://www.newsclick.de/index.jsp/artid/8201922/menuid/472005

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