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13. Februar 2012
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"Die Weltfinanzkrise ist Vorbotin eines epochalen Umbruchs"

Der frühere Präsident der TU Braunschweig liest Banken und Staat die Leviten – Verlust an Glaubwürdigkeit


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Die gegenwärtige Kapitalmarktkrise ist nach Auffassung des ehemaligen Präsidenten der Technischen Universität Braunschweig, Bernd Rebe, erst die Vorkrise für den zu erwartenden Zusammenbruch des überkommenen Weltwirtschaftssystems. Mit Professor Rebe sprach unser Redakteur Reinhard Brennecke.

Wie ist die gegenwärtige Krise der Finanzmärkte in ihrer Dimension einzustufen?

Diese Krise ist in ihrem Ausmaß die größte Krise, die das internationale Finanzsystem in der Neuzeit getroffen hat, viel weiterreichender etwa als die Weltwirtschaftskrise von 1929/1930. Man kann darin auch den Beginn einer Krisenkaskade sehen, die von Krisenstufe zu Krisenstufe stürzend über den Zusammenbruch des überkommenen Weltwirtschaftssystems zu einem epochalen Umbruch der gegenwärtigen Weltwirtschaftsordnung führen wird.

Zeichnen sich in der Krise bereits Umrisse einer neuen Weltwirtschaftsordnung ab?

Die neue Weltwirtschaftsordnung wird sehr stark durch gemeinwirtschaftlich-staatskapitalistische Komponenten geprägt sein. Pointiert formuliert: Der vermeintlich endgültige Triumph des kapitalistischen Systems mit dem Zusammenbruch des "real existierenden Sozialismus" war nur ein Pyrrhussieg über die erste Fehlform staatskapitalischer Wirtschaftsweise; durch die Hintertür der Krise kehrt sie in veränderter Gestalt zurück.

Worin liegen die Gründe für das Entstehen und die Ausbreitung der gegenwärtigen Krise?

Da ist zum ersten die langfristige Gewohnheit exzessiven privaten und öffentlichen Schuldenmachens zu nennen. Nun ist Schuldenmachen nicht per se etwas Verdammenswertes. Destruktive Wirkungen entfaltet es erst dann, wenn es in unkontrollierter Exzessivität geschieht, wenn vor allem der Schuldner mehr an Fremdkapital in Anspruch nimmt, als er verzinsen und amortisieren kann. Genau das ist in den letzten Jahrzehnten geschehen, durch Private wie durch Staaten.

Und nun will der Staat durch exorbitantes neues Schuldenmachen eine gigantische Schuldenkrise beseitigen. Er will den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.

Warum wurde nicht rechtzeitig gewarnt und gegengesteuert?

Weil es gleichzeitig zu einem finanzmarktspezifischen Tschernobyl-Effekt kam: Alle Kontrollinstanzen versagten, und zwar auf allen Ebenen. Weder haben die Aufsichtsräte der einzelnen Banken ihre Kontrollaufgaben wahrgenommen, noch konnten die nationalen Kontrollinstanzen ihrer Aufgabe gerecht werden. Und die übernationalen Einrichtungen scheiterten schon an der Uneinigkeit der beteiligten Staaten.

Warum übernahm kein Banker Verantwortung?

Der schon lange zu beobachtende Verlust regulierender Moralprinzipien hat auch die äußersten Haltegurte rationalen Wirtschaftens zum Bersten gebracht. Im Interesse des eigenen Profits hat man alle Vorsicht fahren lassen und ist in manchen Bereichen einer verheerenden Zockermentalität erlegen.

Wie konnte sich die Krise in den USA so rasant zu einer weltweiten Krise entwickeln?

Der Prozess der Aufschaukelung war nur möglich durch die enge weltweite Verflechtung nicht nur der Finanzmärkte untereinander, sondern der Finanzmärkte mit den Märkten der Realgüterwirtschaft und mit den politischen und den Vorsorge-Systemen verschiedener Art, national und international.

Hier ist ein Gefüge entstanden, das kaum noch durchschaubar ist, geschweige denn von einzelnen Akteuren noch "beherrscht" werden kann.

Was sind die Folgen des gegenwärtigen Desasters?

Die Folgen zeigen sich schon jetzt in der Neustrukturierung der Kapitalmärkte: Das Bankensystem wird umgekrempelt. Bankentypen verschwinden, andere Banken gehen bankrott, werden aufgekauft, zerschlagen oder teilverstaatlicht.

Das Verhältnis der öffentlichen Hände zu den privaten Banken hat sich radikal geändert. Die eigentliche Privatbank verschwindet, die Staaten sind in ein Verhältnis politisch-faktischer Gewährträgerschaft für die "privaten" Banken eingetreten, die sie mit Hunderten von Milliarden Dollar, Euros und anderer Währungen stützen müssen.

Welche Folgen der Krise über die Banken hinaus sind zu gewärtigen?

Schon jetzt wird eine tief greifende Rezession für die amerikanische Wirtschaft erwartet, deren Folgen auch die Handelspartner der USA zu spüren bekommen werden.

Bleibt der Staat als Retter?

Der Staat ist beileibe nicht der liebe, verantwortungsbewusste Onkel, der die Schulden machenden Bürger auf den Weg finanzpolitischer Tugend zurückführt; vielmehr haben fast alle Staaten selbst bereits bisher durch exzessives Schuldenmachen jede Moral des ausgabeorientierten Maßhaltens mit untergraben.

Und sie untergraben diese Moral mit den völlig unkontrollierten und niemals voll einzulösenden Garantiezusagen erneut und diesmal sogar in einem nie da gewesenen Ausmaß.

Also kommt das dicke Ende noch?

Die Bundesregierung hat Garantien zugesagt, um einen massiven Kapitalabfluss zu verhindern und damit nicht in die Zwangslage zu kommen, Banken und privaten Anlegern tatsächlich beispringen zu müssen. Sie hat damit ein Versprechen in der Hoffnung gegeben, es nie einlösen zu müssen.

Ist aber nicht auch dies Ausdruck einer wohl widerwillig geübten Zockermentalität, wie sie so viele Banker an den Tag gelegt haben? Auch hier soll doch der Teufel der Unseriösität mit dem Beelzebub der Uneinlösbarkeit der Garantiezusage ausgetrieben werden.

Welche Schlussfolgerungen sind zu ziehen?

Da ist zum einen die Tatsache zu notieren, dass über Fragen der gerechten oder richtigen Wirtschaftsordnung noch nie so intensiv und in so großer Breite öffentlich diskutiert wurde wie im Zusammenhang mit der gegenwärtigen Krise.

Nun muss eigentlich der Hochmut so mancher Banker und anderer Kapitalmarktakteure dahin geschmolzen sein. Wer so gottserbärmlich zum Überleben seiner Institution auf staatliche Hilfsgelder in Milliardenhöhe, und das heißt doch letztlich: auf die Steuergelder der Allgemeinheit, angewiesen ist, muss auch begreifen, dass er verantwortlicher Teil dieser Gemeinschaft ist.

Gibt es ein Motto für die Zukunft?

Niemand sollte sich Einsicht versperren, dass die Dominanz der finanzpolitischen Erfolgskalküle unter Vernachlässigung sozialer Verantwortung ein grandioser Irrweg war.

Wir müssen erkennen und bejahen, dass wir in einer humanen Verfassung der Freiheit dazu aufgerufen sind, die öffentlichen Probleme aus einem Bewusstsein öffentlicher Verantwortung friedlich zu lösen. Wir dürfen nicht in Fatalismus und Resignation verfallen. Wir können aus der Krise Kraft zur Bewältigung neuer Herausforderungen schöpfen.

Donnerstag, 16.10.2008
Quelle: http://www.newsclick.de/index.jsp/artid/9287642/menuid/472005

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