BZV
newsclick
Suchen
04. Februar 2012
2-Tage-Vorschau

"Ich bin im besten Fall ein Möglich-Macher"

NDR-Intendant Lutz Marmor im Gespräch mit unseren Lesern über Quoten, Qualität und den Kampf mit der privaten Konkurrenz


Dieter Flohr: Seit Januar 2008 sind Sie im Amt. Neue Besen kehren gut. Was haben Sie sich denn vorgenommen?

Der NDR war natürlich schon in einem guten Zustand – doch damit er das bleibt, müssen wir uns auch verändern. Im ersten Jahr haben wir versucht, unsere Mittel so zu sortieren, dass möglichst viel ins Produkt gesteckt werden kann – also ins Programm.

Nach unserem neuen Wirtschaftsplan bekommen Hörfunk und Fernsehen mehr – das muss an anderer Stelle eingespart werden. Im Internet haben wir noch Nachholbedarf, gewinnen aber an Fahrt.

Wichtig sind klare Signale, die man gibt: Ich habe gesagt, das Erste muss auch immer das Erste bleiben. Der NDR ist nicht nur ein norddeutscher Regionalsender. Wir spielen eine starke Rolle im Ersten.

Besonders wichtig war, dass wir die Bundesligarechte wieder erworben haben.

Was tut ein Intendant? Er ist im besten Fall ein Möglich-Macher. Ich muss Bedingungen schaffen, dass gutes Programm entsteht. Dazu gehört ein vernünftiges Klima im Sender. Freiräume schaffen und erhalten – rechtliche, finanzielle und politische. Dazu gehört es auch, dass man streiten und miteinander diskutieren kann.

Kristina Branz: Der NDR sieht sich wie alle öffentlich-rechtlichen Sender dem ständigen Konkurrenzkampf mit den Privaten ausgesetzt. Muss sich der NDR an die Privaten anpassen, um mitzuhalten?

Die Konkurrenz hat uns ja gut getan, das muss man sagen. Das deutsche Fernsehsystem ist im internationalen Vergleich immer noch eines der Besten der Welt. Dazu trägt auch ein Stück Wettbewerb zwischen Öffentlich-Rechtlichen und Privaten bei.

Anpassen ist jedoch das falsche Wort. Wir müssen andere Schwerpunkte als die Privaten setzen, wir müssen Dinge anders angehen. Und natürlich immer schauen: Gibt es etwas, wo wir von Ideen der Privaten profitieren können? Umgekehrt funktioniert es ja auch: Wenn es etwa die Tagesschau mit ihrer Nachrichtenqualität nicht gäbe, sähen auch die Nachrichten der Privaten noch anders aus.

Andererseits: Ein großes Quiz mit Günter Jauch hätten wir ja eigentlich auch als Erste wieder erfinden können – das war doch früher mal unsere Domäne. Alles entscheidend für uns ist, dass unsere Kunden sagen: Von den Gebühren, die ich ja zahlen muss, da habe ich auch was. Wenn ich ARD und ZDF zusammennehme: Die 60 Cent, die es am Tag Gebühren kostet, sind wirklich gut zu vertreten.

Dieter Flohr: Wirkt sich die Finanzkrise auch negativ auf den NDR aus?

Natürlich merken wir es, wenn sich die Krise auch auf Werbe-Etats auswirkt. Wenn die Krise noch weiter ausgreifen sollte, würden wir auch durch zunehmende Befreiungen von den Gebühren betroffen sein. Wir sind von der Entwicklung also nicht abgekoppelt.

Markus Lüdke: Welche Zielgruppen wollen Sie neu gewinnen?

Natürlich ist uns jeder Zuhörer und jeder Zuschauer gleich lieb. Aber wir müssen erkennen, dass wir im Fernsehen die größten Defizite bei den Jüngeren haben. Hier wollen wir ein jüngeres Publikum gewinnen – und die anderen natürlich halten.

Markus Lüdke: Wie wollen Sie ein neues Publikum für alte Inhalte gewinnen, die wir brauchen? Ich komme aus dem Bereich der kulturellen Bildung – wie steht es mit dem Bildungsauftrag des NDR?

Den nehmen wir sehr ernst – und machen vielfältige Angebote und versuchen sie gewissermaßen mundgerecht zu verpacken, um neue Kultur-Interessierte zu gewinnen.

NDR-Kultur, unsere Hörfunkwelle, hat sich ja gerade auf den Weg begeben. Manchmal gibt es da von Anhängern der Höchstkultur auch Kritik, dass wir dabei zu weit gehen. Aber indem wir es mal anders verpacken und den Kulturbegriff weiter ziehen, können wir behutsam ein neues Publikum heranführen. Das ist uns wichtig.

Carola Schmidt: Aus Sicht einer Tourismus-Region ist die Zusammenarbeit mit den Medien natürlich wichtig. Warum finden wir uns mit jungen Themen so selten in Radiosendern wie Enjoy und NDR 2 wieder? Regionale Themen sind schwerpunktmäßig nur in NDR 1 zu finden.

Das NDR-Fernsehen leistet ja richtig viel für den Tourismus. Wir haben so viele Sendungen, die die Schönheit des Landes zeigen – vom Harz bis zur Ostsee. Und das Schönste: Das ist auch unser Schaufenster nach Deutschland. Das NDR-Fernsehen liefert viele dieser Sendungen an die anderen Dritten.

Deshalb kämpfe ich auch für das Erste weiter, weil wir dort das nationale Schaufenster haben. Zu Ihrer Frage: Dies ist ja gerade der Auftrag des Programms bei NDR 1 Radio Niedersachsen, das sich zudem noch regional auseinanderschaltet, was absolut richtig ist.

Das können Sie in vergleichbarer Form bei NDR 2 nicht machen. Bei Enjoy ist nun wiederum der Musikanteil recht hoch – da bleibt nicht mehr viel Zeit für solche Wortstrecken. Aber wir wollen auch bei Enjoy die öffentlich-rechtliche Kompetenz behutsam stärken. Dafür muss man Aufhänger finden, die die jungen Menschen interessieren.

Dieter Flohr: Wie stehen Sie zu der öffentlichen Diskussion über die Qualität des Fernsehens, die Marcel Reich-Ranicki ausgelöst hat?

Ich finde es richtig, dass über das Leitmedium Fernsehen diskutiert wird. Und das ist fast unvermeidlich, weil es ja alle Menschen interessiert. Die Debatte über die Qualität des Fernsehens ist so alt wie das Fernsehen selbst.

Von Herrn Reich-Ranicki war es natürlich ein toller Coup. Ich bin gewiss parteiisch, aber ich sage: Das Fernsehen macht in seiner ganzen Bandbreite so viel – von Arte bis 3Sat und Kinderkanal. Es gibt viele anspruchsvolle Sendungen im Ersten – wie kürzlich "Das Feuerschiff" nach Siegfried Lenz. Also, wir müssen uns da nicht verstecken.

Es gibt jedoch auch Sendungen, die darauf abzielen, dass die Leute sich nach einem harten Tag auch mal berieseln lassen können. Das finde ich überhaupt nicht schlimm. Das ist legitim, schließlich gibt es auch einen Umschalt- und Ausschaltknopf, den jeder selbst bedient. Und wenn Sie es wünschen, finden Sie jederzeit auch Kultur.

Markus Lüdke: Wie arbeiten Sie intern mit Einschalt-Quoten – etwa für klassische Musik oder deutsche Popmusik?

Strikte Vorgaben haben wir nicht, aber natürlich setzen sich die Redaktionen gemeinsam mit der Direktion Ziele, was man mit einer Sendung erreichen können sollte.

Das ist jedoch kein alleiniges Kriterium. Wenn Sie ein Konzert veranstalten, dann möchten Sie doch auch möglichst viele Interessierte erreichen. Die, die man potenziell erreichen kann – die wollen wir natürlich auch kriegen.

Kürzlich haben wir eine Matinee "Lauter Lyrik" am Sonntag gesendet, die hatte nur eine Quote von 0,9 Prozent. Eigentlich wenig. Doch selbst diese 0,9 Prozent um diese Zeit – das waren ja immerhin 20 000 Menschen, die sich für Lyrik interessiert haben. Das ist auch wichtig, das muss man sich leisten können. Allerdings zahlen alle die Gebühren – und da können wir natürlich nicht nur solche Angebote machen.

Kristina Branz: Bedeutet das Internet für Sie eine Konkurrenz?

Noch nie haben neue Medien die alten komplett verdrängt – im Gegenteil. Die Fernseh-Nutzung ist trotz des Aufkommens des Internets sehr stabil. Im Radio ist es genauso.

Die Zahlen sind schon erstaunlich: Die Menschen in Deutschland schauen am Tag im Schnitt 220 Minuten fern. Sie hören 180 Minuten Radio. Das Internet nutzen sie 60 Minuten. Bei den Jüngeren sieht es allerdings anders aus, da haben Sie jeweils ein Drittel für Fernsehen, Radio und Internet.

Außerdem ist es nur in Teilen Konkurrenz. Das Internet ist auch ein Verbreitungsweg unserer Produkte. Deshalb müssen wir da auch dabei sein, sonst verlieren wir in der Zukunft den Anschluss. Da sind wir auch auf einer Plattform mit den Verlagen. Ich schließe Kooperationen überhaupt nicht aus.

Carola Schmidt: Gibt es wichtige Themen, die beim NDR unterrepräsentiert sind und künftig ausgebaut werden sollen?

Ja, wir wollen im Netz aufholen. Da müssen wir mit der technologischen Entwicklung Schritt halten. Außerdem wollen wir zusätzlich in den Journalismus investieren, zum Beispiel im NDR-Fernsehen auch mal kantiger und frecher werden. Sendungen wir "Zapp", "Extra 3" oder "Panorama – die Reporter" stehen dafür Pate. Wenn etwas Außergewöhnliches passiert, dann muss es bei uns schnell den Niederschlag finden – etwa mit einem aktuellen "Spezial".

Es gilt jedoch auch: Das NDR-Fernsehen ist bereits seit langem das meistgesehene Dritte in Deutschland. Das erfolgreichste deutsche Regionalmagazin mit über 30 Prozent Marktanteil kommt auch vom NDR – und zwar aus Mecklenburg-Vorpommern.

Dienstag, 09.12.2008
Quelle: http://www.newsclick.de/index.jsp/artid/9563505/menuid/472005

Videos von heute

Nehmen Sie Kontakt zu unserem Recherche-Team auf.

[ zur Seite ]

Sicherheitskonferenz startet mit viel Prominenz

[ zum Artikel ]
- Anzeige -
Payper Card

So nachdenklich?

[ zum Artikel ]