BZV
newsclick
Suchen
14. Februar 2012
2-Tage-Vorschau

Europas größtes Forschungsflugzeug

Modell für leises Fliegen mit Brennstoffzelle an Bord – Von Braunschweig aus startet "ATRA" als Labor des Luftverkehrs der Zukunft

Von Henning Noske

In der europäischen Luftfahrt-Forschung gibt es derzeit ein Projekt, das förmlich elektrisiert – und sein Name ist mit Braunschweig verknüpft: "ATRA" – das größte Forschungsflugzeug des Kontinents und das modernste der Welt.

Wenn der umgebaute Airbus A320 im August beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Braunschweig seinen Dienst antritt, dann rückt der dortige Forschungsflughafen zumindest in dieser Hinsicht auf eine Stufe mit dem französischen Toulouse.

"ATRA" heißt "Advanced Technology Research Aircraft" und wird zum Magneten für Forscher, Luftfahrtindustrie, Zulieferer und Luftfahrt-Institute der Universitäten.

Alle wollen erforschen, wie das Flugzeug der Zukunft aussieht. Und noch niemals zuvor konnten sie es mit einem derart großen und modernen Verkehrsflugzeug tun. Man muss sich den Flugversuchtsträger "ATRA" wie ein fliegendes, gigantisches Forschungslabor vorstellen. Das DLR hat hierfür insgesamt 42 Millionen Euro investiert. Der Wert des 1996 gebauten Flugzeugs schlägt dabei mit rund 18 Millionen Euro zu Buche.

"Es ist für Luftfahrt-Verhältnisse eine unglaubliche Investition. Das gab’s noch nie", sagt Guido Plützer, Leiter der eigens für Braunschweig gegründeten neuen DLR-Abteilung "ATRA-Management".

Denn das neue Forschungsflugzeug, auf das man für die nächsten 20 bis 25 Jahre baut, soll nicht nur den eigenen Instituten zur Verfügung stehen, sondern auch für die externe Nutzung gleichsam vermarktet werden. Die Erfolgsaussichten stehen überaus gut. In den vergangenen zwei Jahren betrug die Auslastung des an Airbus vermieteten Groß-Forschungsflugzeuges unschlagbare 100 Prozent. Das Interesse ist überwältigend.

Mehr noch: Projekt-Partner Airbus stattete den Passagier-Jet mit Forschungs-Infrastruktur aus – und mit einem Brennstoffzellensystem. Natürlich hat der A320 noch einen Tank, in den knapp 24 000 Liter Kerosin gefüllt werden können. Doch in bestimmten Phasen des Betriebs soll die Brennstoffzelle Energie liefern – zum Beispiel für die Notstromversorgung oder später einmal beim emissionsfreien Betrieb am Boden.

So lässt sich der Schadstoff-Ausstoß verringern, da die Brennstoffzelle zur Stromproduktion lediglich Wasserstoff und Sauerstoff nutzt. Neben dem Endprodukt Strom entstehen auch Wärme und Wasser, was man an Bord nutzen kann. Sauerstoff soll aus der Umgebungsluft genutzt werden.

Natürlich ist das Zukunftsmusik, doch "ATRA" ist das Instrument dafür. Die Brennstoffzellenforschung bleibt auch im künftigen Betrieb aktuell. Dazu kommt das vermutlich wichtigste Forschungsfeld im Luftverkehr: die Lärmminderung. Das Braunschweiger Forschungsflugzeug wird konsequent zum "quiet-aircraft-demonstrator" ausgebaut – zum Modell für leises Fliegen.

Treibstoff-, Schadstoff- und Lärm-Minimierung, auch in der Kabine – hinzu kommt die Sicherheit.

Mit "ATRA" tritt auch die Erforschung der Wirbelschleppen auf eine neue Stufe, jener lebensgefährlichen Turbulenzen im Gefolge der Flugzeuge. Dass ein Verkehrsflugzeug selbst – gespickt mit Technik, Elektronik und Sensoren – zur Wirbelschleppen-Erforschung zur Verfügung steht, eröffnet eine völlig neue Dimension.

Hinzu kommt ein System samt spezieller Stromversorgung, das alle Daten an Bord erfasst, speichert und aufbereitet – und den Forschern in der Luft und am Boden zur Verfügung stellt. Ständig wird "ATRA" für neue Experimente immer wieder verändert.

Derzeit befindet sich der A320 übrigens zur Rückübergabe an das DLR in Toulouse. Anschließend wird das Flugzeug in Hamburg in den DLR-Farben umgespritzt und auf Herz und Nieren durchgecheckt – die Nutzung als größtes DLR-Forschungsflugzeug beginnt Mitte Mai.

Gestern wurde am Braunschweiger Forschungsflughafen der Grundstein für den Hangar gelegt, in den nach Fertigstellung nicht nur der "ATRA" einzieht, sondern auch andere Maschinen der Forschungs-Flotte.

Zum Beispiel "ATTAS". Unklar ist noch die weitere Nutzung der bisherigen Braunschweiger Nr. 1. Ganz offiziell wurde beschlossen, die umgebaute Fokker schon Ende 2009 stillzulegen. Fachleute messen ihr "unschätzbaren Wert" zu, halten sie für bestimmte Aufgaben nach wie vor für unverzichtbar. Das letzte Wort ist vielleicht noch nicht gesprochen.

Der verzögerte Ausbau des Braunschweiger Flughafens stellt die Ankunft des großen "ATRA" im Sommer einstweilen nicht in Frage. Nach Einsprüchen von Anliegern liegt die Verlängerung der Start- und Landebahn auf Eis – eine Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts Lüneburg darüber wird im ersten Halbjahr 2009 erwartet.

Mittwoch, 28.01.2009
Quelle: http://www.newsclick.de/index.jsp/artid/9782192/menuid/472005

Videos von heute

Nehmen Sie Kontakt zu unserem Recherche-Team auf.

[ zur Seite ]

Athen zwischen Protest und Aufbruch

[ zum Artikel ]
- Anzeige -
Payper Card

Wau-Wau-Pflege

[ zum Artikel ]