KIESSLERS WELT: Strategie der Perlenschnur
Der Brigade-general Liu Mingfu zählt zu jenen, die sie in China eine "patriotische Stimme" nennen. Doch als er jetzt öffentlich bekannte, das Reich der Mitte werde Amerika den Rang streitig machen und die weltweit größte Militärmacht des 21. Jahrhunderts werden, pfiffen ihn Generalskameraden zurück: China wolle keineswegs die USA militärisch herausfordern, beschwichtigten sie – ganz im Sinne der politischen Führung in Peking.
Die sucht im aufgeheizten Verhältnis zu Washington mit der Ankündigung ein Zeichen der Entspannung zu setzen, China steigere seine Militärausgaben 2010 um gerade mal 7,5 Prozent – und damit weniger drastisch als je zuvor.
In der Tat wäre dies das geringste Wachstum des chinesischen Militärbudgets seit zwei Jahrzehnten. Muss China der Finanzkrise wegen kürzer treten? Die Wirtschaft wächst um beneidenswerte 8,7 Prozent. Deshalb ist offiziell von einem angestrebten "Gleichgewicht zwischen Militärausgaben und ökonomischer Entwicklung" die Rede.
Im Pentagon, dem US-Verteidigungsministerium, rechnen sie anders: China gebe für sein Militär zwei bis drei Mal so viel aus wie amtlich verkündet. Eingeräumt haben die Chinesen Ausgaben von 57 Milliarden Euro – gerade mal ein Zehntel des amerikanischen Wehrhaushaltes von satten 508 Milliarden Euro im laufenden Jahr.
Auch wenn die USA über 9400 Atomsprengköpfe verfügen und China nur über 180 – die aufstrebende Weltmacht in Asien gilt längst als ein militärischer Akteur, der sein wachsendes Gewicht international wahrgenommen wissen will. "Ja, wir fühlen uns stark", bekannte Chinas Außenminister Yang Jiechi freimütig auf der Münchner Sicherheitskonferenz – nicht nur als ständiges Mitglied des Uno-Sicherheitsrates und Beschützer seiner Partner in Nordkorea und Iran, auch militärisch setzt China Zeichen, die die amerikanische Dominanz in der asiatisch-pazifischen Region mindern sollen.
So bastelt China an einem Raketenabwehrsystem, testete im Januar Raketen, spricht über "bewaffnete Satelliten" und lässt seine Generäle gar von der "Bewaffnung des Mondes" träumen.
Zur See wird gleichfalls aufgerüstet – vornehmlich im Indischen Ozean. Dort verfolgt China mit immer neuen Häfen, Marinebasen und Stützpunkten in Pakistan, Bangladesch, Sri Lanka und Birma die "Strategie der Perlenschnur" rund um den Rivalen Indien. Auf thailändischem Gebiet planen die Chinesen durch die Halbinsel Malakka einen Kanal, um den Indischen Ozean mit dem Südchinesischen Meer zu verbinden. Neben Atom-U-Booten sind auch Flugzeugträger im Programm, die den Aktionsradius Chinas erheblich erweitern werden.
Im 15. Jahrhundert verfügte China über doppelt so große Schiffe wie Christoph Kolumbus. Doch damals verzichtete das auf seine innere Stärke vertrauende allwissende Reich der Mitte auf globale Eroberungen und ließ die hochseefähige Flotte des Seefahrers Zheng He zerstören. Dies liegt den heutigen Herrschern in Peking fern.













