Die Welt im Blick
Die schleichende Islamisierung der türkischen Gesellschaft hat die Schulen erreicht, in denen ein Kopftuchverbot gilt. Das umgeht eine Puppe, die viele Erstklässler in ihren Schultüten haben.
Huldvoll lächelt sie unter ihrem dunklen Umhang hervor: "Fulla", die islamische Antwort auf die westliche Modepuppe Barbie, sorgt zum Start des Schuljahres in der Türkei für Wirbel. Denn Tausende frommer Eltern haben eine Schultasche mit dem Bild der Kopftuch-Barbie für ihre Töchter gekauft – "so kommt das Kopftuch mit Hilfe der Tasche in die Schule", kommentierte eine Zeitung. Für Laizisten ist der Trend ein neuer Beweis für die schleichende Islamisierung der türkischen Gesellschaft.
Mit umgerechnet 3,70 Euro ist die "Fulla"-Tasche auch für ärmere Eltern erschwinglich, die ihre Kinder zum Schulstart ausrüsten müssen. Einen ganzen Container der in China produzierten Taschen habe er schon verkauft, sagte Importeur Hakan Korkmaz dem türkischen Nachrichtensender NTV. "Ein weiterer Container ist auf dem Weg."
Korkmaz wittert eine große Chance. Für 1,3 Millionen Erstklässler in der Türkei begann diese Woche der Ernst des Lebens, für die anderen Grundschulklassen beginnt das Schuljahr am nächsten Montag. Supermärkte und Schreibwarenläden sind voll mit allem, was für die Erstausstattung der Schüler gebraucht wird. Zehntausend islamische Schultaschen hat Korkmaz schon verkauft.
"Fulla"-Puppen gibt es schon seit längerem. Seit sie vor drei Jahren erstmals auf den Markt kam, hat die islam-konforme Anziehpuppe des syrischen Designstudios New Boy in der ganzen arabischen Welt reißenden Absatz gefunden. Sogar einen Gebetsteppich für "Fulla" gibt es.
Wie ihr Vorbild Barbie verfügt "Fulla" zudem über eine große Auswahl an Kleidern – nur ein Badeanzug ist nicht darunter. Auch einen männlichen Begleiter wie Ken bei Barbie sucht man im "Fulla"-Sortiment vergeblich.
Die wichtigsten Unterschiede liegen jedoch in der äußeren Erscheinung. Anders als die für ihre wallende blonde Mähne bekannte US-Barbie verbirgt "Fulla" ihr Haar sittsam unter einem Kopftuch, das auch den Hals und die Schultern verhüllt und nur das Gesicht freilässt: Ganz so, wie es fromme Moslems wollen.
Genau aus diesem Bevölkerungsteil kommen auch die Käufer der "Fulla"-Schultaschen in der Türkei, bestätigt Korkmaz. Probleme mit dem Kopftuch-Verbot in den Schulen der säkulären Republik Türkei kann der Geschäftsmann nicht erkennen. Die Kopftuch-Puppe sei keinesfalls ein religiöses Symbol. "Sie hat ein Kopftuch an, weil ihr kalt ist", sagt Korkmaz mit einem Augenzwinkern. Wenn er trotzdem nicht alle Taschen loswerden sollte, werde er den Restposten eben in den Iran exportieren.
Türkische Laizisten können darüber überhaupt nicht lachen. Sie haben das Gefühl, dass radikale Islamisten in ihrem Land immer mehr die Oberhand gewinnen. "Fullas" Erfolg ist dabei nur ein Stein des Mosaiks. Die Türkei schreite immer weiter auf dem Weg einer religiösen Ordnung fort, warnte die anti-islamistische Zeitung "Cumhuriyet".
Vor zwei Wochen wurde an einem westtürkischen Strand eine junge Frau von Islamisten angegriffen, denen ihr knapper Bikini unmoralisch vorkam. Dagegen verkaufen sich religiös unbedenkliche Badeanzüge, die vom Kopftuch bis zu den Füßen reichen, so gut wie noch nie.
Dass die – islamische – Stadtregierung der Metropole Istanbul über den Bau einer Moschee auf dem Gelände der historischen Festung "Rumeli Hisari" am Bosporus nachdenkt, passt ebenfalls ins Bild. Zudem besetze die religiös geprägte Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan immer mehr Führungspositionen im Staat und in Institutionen mit ihren Anhängern, sagen die Gegner des Premiers.













