"Schon 1967 war klar, dass kein Raum in der Asse-Grube trocken bleibt"
Historiker: Schacht wurde zum Endlager gemacht, obwohl Probleme bekannt waren
Der Historiker Detlev Möller hat untersucht, wie die Endlagerungsfrage in der Vergangenheit von Behörden und Beratern wahrgenommen wurde. Die Asse sollte der Atomenergie zum Durchbruch verhelfen.
Die Asse dient nicht der Forschung, sondern heimlich als Endlager – und ist entgegen aller Beschönigungen undicht und instabil, damit unsicher. Die schon früh geäußerten Vermutungen von Atomkritikern und auch Lokalpolitikern wurden lange als Unsinn, als Atom-Psychose abgetan. Heute weiß man es besser, und der Historiker Detlev Möller belegt es schwarz auf weiß: Die Asse diente lange Zeit nicht primär der Forschung, sondern in erster Linie als Endlager.
"Man hat ein nicht unerhebliches Restrisiko in Kauf genommen", unterstellt Möller Politikern, Wissenschaftlern und Beamten, die seit den 1960er Jahren mit der Asse befasst waren. Möller spricht von Verantwortungslosigkeit, man könne es auch Fahrlässigkeit nennen.
Für seine Doktorarbeit an der Universität der Bundeswehr in Hamburg hat der Geschichtswissenschaftler und Pädagoge im Bundesarchiv in Koblenz Akten aus den Jahren 1955 bis 1979 gesichtet – vom damaligen Bundesministerium für Atomfragen, dem Bundesministerium für wissenschaftliche Forschung, dem Bundesinnenministerium und dem Bundeskanzleramt.
"Die Asse sollte der Entlastung der Zwischenlager dienen", belegt Möller in seiner Arbeit. Man habe der sich entwickelnden Atomindustrie signalisieren wollen, dass die Müllbeseitigung kein Problem sei.
Sorgen und Ängste der Bevölkerung vor radioaktiver Gefahr seien als laienhaft und irrational abgetan worden. Gleichzeitig aber hätten die Verantwortlichen schon 1967 gewusst, dass kein Raum des maroden Asse-Bergwerks trocken bleiben würde. Trotz unklarer Langzeitsicherheit sei die Asse ein Jahr später offiziell als Endlager bis zum Jahr 2000 benannt worden. Das sei in Vergessenheit geraten, und seit 1974 habe es seitens der Verantwortlichen die Sprachregelung gegeben, nur noch von "Versuchen" zu reden.
Nach alten Plänen sollten bis zum Jahr 2000 rund 250 000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktive Abfälle in der Asse eingelagert werden. Die Deponierung hochradioaktiver Abfälle wurde Anfang der 1970er Jahre zwar angekündigt, aber nicht ausgeführt.
Auch alte Kostenvergleiche belegten, so Möller, die damalige Präferenz für die Asse. So errechneten Bundesbeamte, dass die seinerzeit übliche Versenkung des Atommülls im Atlantik rund 200 Mark pro Kubikmeter koste, die Beseitigung unter Tage bei voller Kapazitätsauslastung für 140 Mark zu machen sein würde.
Für den heute zuständigen Bundesumweltminister Sigmar Gabriel ist Möllers Untersuchung ein weiterer Beleg für die Asse-Lüge. "Es ging darum, die Atomenergie gängig zu machen." Und: "Wer nicht aus der Geschichte lernen will, ist verdammt, sie zu wiederholen."
Zwischen 1967 und 1978 wurden in der Asse rund 126 000 Fässer mit schwach- und mittelradioaktiven Abfällen eingelagert.
Nach einer Serie von Pannen unter der Regie des früheren Betreibers Helmholtz-Zentrum München, war die Asse zu Jahresbeginn Gabriels Bundesamt für Strahlenschutz unterstellt worden. Für Präsident Wolfram König ist bei der Endlagerung ein partei- und gesellschaftsübergreifender Konsens notwendig, der über einzelne Legislaturperioden hinaus Bestand habe. "Derzeit wird die Entsorgung je nach Interessenslage entweder als nicht lösbar oder als technisch bereits gelöst bezeichnet. Beides entbehrt der Grundlage."
Bruno Thomauske, früherer Atommanager des Energieversorgers Vattenfall, hingegen sagte unserer Zeitung, die sichere Endlagerung für ein Zeit von einer Million Jahren sei technisch durchaus möglich. Dies werde aber durch Minister Gabriel politisch verhindert. Eine Endlagerung in Salz sei grundsätzlich sicher. Die Probleme in der Asse wie auch in Morsleben resultierten aus der bergbaulichen Vornutzung.
FAKTEN:
Detlev Möller (40) wohnt in Meckenheim bei Bonn. Nach Studium und Dienst bei der Luftwaffe ist der heute in der Privatwirtschaft tätig.
Seine Studie "Endlagerung radioaktiver Abfälle in der Bundesrepublik Deutschland" ist im Peter-Lang-Verlag erschienen. 390 Seiten, 56,50 Euro.
Angeregt zu dem Thema hatte ihn 1993 der Castor-Protest. Er fragte sich: "Haben die sich eigentlich beim Einstieg in die Atomenergie Gedanken darüber gemacht, was sie mit dem Müll anfangen wollen?"













