Der neue Markt als Lichtzeichen
Veränderungen sind in Königslutter umstritten – Zu Ostern Wiedereröffnung des Doms
"Die Innenstadt muss sich neu finden." Das sagt Klaus Hüttinger, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Braunschweig, über Königslutter. Ob sich die Stadt zwischen Braunschweig, Wolfsburg und Helmstedt als weiterer Anziehungspunkt unserer Region etablieren kann, ist offen.
Seit mehreren Jahrzehnten ist Königslutter dabei, sich neu zu finden. Erst 2007 wurde mit dem Umbau des zentralen Marktes die Innenstadtsanierung abgeschlossen. Die Bundesstraße 1, die zuvor die Fahrt über den historischen Markt möglich machte, wurde verlegt. Der Weg dorthin war ein Kraftakt.
In Königslutter tut sich etwas. Das steht fest. Doch ob alle Maßnahmen greifen, wird von manchen Bürgern oder auch Politikern bezweifelt. Geschäftsleute und Stadtverwaltung kämpfen gegen eine wahrnehmbare Lethargie nach dem Motto "Es bringt doch alles nichts!"
Der neue Markt ist ein Beispiel für den Zweifel. Die Durchfahrt ist nur Bussen und dem schweren Lieferverkehr erlaubt. Der Platz kann von Besuchern nur von einer Seite angefahren werden. Wer keinen Parkplatz findet, dreht in der Mitte einen Kreis und fährt wieder ab.
Der alte Markt, eine lieblose Park- und Haltestellenfläche mit Durchgangsstraße, wird optisch wohl von den wenigsten vermisst. Doch bei der Gestaltung des neuen Marktes fürchteten die Geschäftsleute um ihre Kunden. So wurden nachträglich doch noch Parkflächen in die Planung eingebaut. Die sind stets gut belegt. Für die Geschäftsleute sind es immer noch zu wenige.
Klaus Hüttinger von der IHK will keine Empfehlungen geben. Doch auch er stellt fest, dass die Frage, ob der Markt wieder durchfahren werden darf, in Königslutter noch nicht endgültig geklärt sein könnte.
Die Verlegung der Bundesstraße 1 und der Marktumbau sind nur die jüngsten Veränderungen. Ein drastischer Neuanfang war zu bewältigen, als sich die Zuckerfabrik, größter Arbeitgeber in der Stadt, zurückzog. "Das kam schon ziemlich unerwartet", erinnerte sich Bürgermeister Ottomar Lippelt an den Moment, als ihn die Hiobsbotschaft von der Schließung erreichte.
Im Jahr 2001 fiel durch Sprengung das letzte Silo der Fabrik, die mit ihren Bauten des Industriezeitalters auch optisch die Innenstadt geprägt hatte. Auf dem Grund der ehemaligen Zuckerfabrik ist inzwischen ein Baugebiet entstanden.
Zum Teil schon vorhanden sind auch Angebote einer Ärzte-, Pflege- und Therapieschiene auf dem Gelände. Federführend ist die Arbeiterwohlfahrt (Awo). Die bekam auch den Zuschlag, nachdem die Landesregierung unter großem Protest beschlossen hatte, die Landeskrankenhäuser zu privatisieren.
Zusätzlich entstanden auf der alten Fabrikfläche große Filialen von Lebensmittel-, Möbel- oder Schuh-anbietern. Das Angebot wird gut angenommen. Doch auch hier gibt es wieder Zweifel: Verträgt die nahe gelegene Innenstadt die Konkurrenz? Über Verbindungswege mit einer Fußgängerampel an der verlegten Bundesstraße 1 wird versucht, eine Achse zwischen dem alten und neuen Zentrum zu etablieren.
Konkrete Zahlen zum Kundenstrom gibt es nicht, nur subjektive Meinungen. Eine Umfrage unserer Zeitung zum Kaufangebot in Königslutter fiel negativ aus. Trotz einiger etablierter und schon viele Jahre bestehender Fachgeschäfte hieß es, auch angesichts diverser Leerstände: "Ich kann hier nichts kaufen." Die Geschäftswelt entrüstete sich. Von Bürgern Königslutters gab es keinen Widerspruch.
Für eine Analyse müssen mehr Zahlen und Fakten her! Klaus Hüttinger teilte mit, dass die Stadt Königslutter nach einer Empfehlung der IHK die Erarbeitung eines Einzelhandelskonzeptes in Auftrag geben werde. Das betätigte Kämmerer Martin Knof. "Hierdurch werden Rahmenbedingungen für die Ansiedlung von Handel in der Kernstadt festgelegt."
Von der IHK gibt es Lob für die Lokalpolitik. Der Rat habe durch sein Votum verhindert, dass ein weiteres Zentrum, neben dem auf dem Gelände der ehemaligen Zuckerfabrik, an der Einfallstraße aus Braunschweig entstehen kann.
Mehr positive Rückmeldung hätte Königslutter für sein Parkangebot verdient. Um den neuen Markt herum, also nah an der Fußgängerzone, gibt es diverse Plätze, auf denen kostenlos geparkt werden kann. Politiker, Verwaltung und Geschäftsleute machen sich dafür stark, dass das möglichst so bleibt.
Im Jahr 2008 fand der Tag der Braunschweigischen Landschaft in Königslutter statt. Vom Rathaus am Markt gab es eine Festmeile bis zum Dom, einem der bedeutendsten romanischen Gebäude. Kaiser Lothar III. ist in der Stiftskirche begraben. Deswegen wird in Königslutter nur vom Kaiserdom gesprochen.
Der Dom führte trotz seiner Größe lange Zeit fast ein Schattendasein. Alle waren sich einig: "Der muss besser vermarktet werden." Ein Anfang war das Symposium bedeutener Bildhauer. Das hatte zum Tag der Braunschweigischen Landschaft seine Premiere. Die Künstler schufen mehrere Skulpturen aus dem für die Region typischen Elmkalkstein. Die Werke verschönern das Stadtbild. Das Symposium soll wiederholt werden.
Seinen großen Tag hat der Kaiserdom am Ostersonntag (4. April). Nach Jahren der Außen- und Innenrestaurierung soll das Gebäude, das der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz gehört, feierlich wiedereröffnet werden. Der Dom soll zukünftig viel mehr Besucher nach Königslutter locken. Die sollen möglichst auch Geld in der Stadt am Fuße des Elms ausgeben. Doch dafür muss das Angebot da sein.
"Es wird Zeit in Anspruch nehmen", sagt Klaus Hüttinger zur Akzeptanz der neuen Innenstadt. Doch sehr viel Zeit darf sich die Stadt nicht mehr nehmen.
FAKTEN:
Alle zwei Jahre ermittelt die Industrie- und Handelskammer Braunschweig die Zahlen zur Kaufkraft. In drei Wochen gibt es die Werte für 2009, hier die für das Jahr 2007 :
Kaufkraft: 78 Mio. Euro
Einzelhandelsumsatz: 54 Mio. Euro
Kaufkraftverlust: 30,8 Prozent
Aus der Erhebung des Zweckverbands Großraum Braunschweig gehen nach Auskunft von Königslutters Kämmerer Martin Knof für 2008 folgende Zahlen hervor (in Klammern jeweils die Zahlen aus dem Jahr 2003):
Einzelhandelsumsatz: 61,5 Mio. Euro (51,8 Mio. Euro)
Kaufkraft: 88,8 Mio. Euro (91,8 Mio. Euro)
Betriebe/Geschäfte: 92 (106)
Einwohner: 16 079 (16 582)











