Asse sollte Schutz im Kriegsfall bieten
Im Staatsarchiv Wolfenbüttel lagern Urkunden und Akten der Region
Ausgerechnet in die feuchte und einsturzgefährdete Asse sollten im Kriegsfall unersetzliche Urkunden und Akten gebracht werden. Dann änderte der Bund seinen Kurs.
Wäre alles nach Plan gegangen, hätten im Ernstfall vielleicht Soldaten die Blechkisten eilig an den Tragegriffen genommen, sie auf Paletten gehievt und abtransportiert – Richtung Asse.
Im Oktober 1968 jedenfalls schickte das Wolfenbütteler Unternehmen Busch, Barnewitz & Co. schon mal einen Prospekt mit seinem aktuellen Palettenangebot an das Niedersächsische Staatsarchiv. Landen sollen hätten die Kästen mit den unersetzlichen Urkunden in der Asse im Landkreis Wolfenbüttel.
"Wir haben eine annähernd komplette Überlieferung", sagt Brage Bei der Wieden, Leiter des Staatsarchivs in Wolfenbüttel, zufrieden. Was genau, ist in dem Band "Die Bestände des Staatsarchivs Wolfenbüttel" akribisch aufgelistet, der auf dem Tisch im Dienstzimmer liegt.
Allein 26 000 mittelalterliche Urkunden lagern in dem gelben Bau von 1955, fast alle rechtlich oder historisch wichtigen Behördenakten des Braunschweiger Landes wanderten in das Archiv. 17 Regalkilometer umfassen die Bestände: Akten der Herzöge, der Gerichte oder der Behörden – von der Regierung bis zur Militärunterstützungskasse, Urkunden wie Handschriften, Stadt- und Baupläne wie Siegel und Siegelstempel. Vergleichsweise neue Behördenakten kommen laufend dazu.
Zwar ließ der Bund auch die Akten des Staatsarchivs bis 1815 längst komplett auf Mikrofilm aufnehmen, um sie in einem Stollen im Schwarzwald in Stahlfässern für die Nachwelt zu bewahren.
"Das hat 1961 begonnen", sagt Christoph Unger, Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe und früher im niedersächsischen Innenministerium. Auch aus der Zeit danach ist das Wichtigste längst abgefilmt, insgesamt 1 Milliarde Dokumentenseiten, so Unger. "Wie wichtig das ist, hat man ja beim Kölner Stadtarchiv gesehen", sagt Brage Bei der Wieden. Das Kölner Archiv stürzte wegen U-Bahn-Arbeiten in die Tiefe. Dann zieht der Archivar die Zweitschrift eines Prozesses von 1582 aus dem Regal. "Das Papier ist aus Lumpen gefertigt", sagt Bei der Wieden und hält den Band gegen das Licht. Ein Wasserzeichen wird sichtbar. Ein Mikrofilm kann Informationen retten, das ist viel, und im Vergleich zur Zweitschrift von 1582 dann doch sehr wenig.
Schon Ende der 60er Jahre trieb die Staatskanzlei in Hannover daher Pläne voran, wie die Schätze regionaler Archive, außer Wolfenbüttel auch Braunschweig und Goslar, im Kriegsfall gerettet werden könnten. Die niedersächsischen Bergbehörden boten die Asse und das Bergwerk Grasleben bei Helmstedt an.
Im März 1971 hieß es nach einer Besprechung zur Asse: "In Aussicht genommen ist die Kammer 3 der 750-Meter-Sohle." "Das Staatsarchiv wird sich eine Palette leihen, probeweise beladen und dann Näheres darüber berichten", hatte das Staatsarchiv schon 1968 in einem Brief an den niedersächsischen Ministerpräsidenten den Ernst der Planung hervorgehoben.
Auch die zu bewegenden Mengen und Lasten hatten die Fachleute akkurat gemeldet. Die Urkunden in den 288 Blechkisten etwa schlugen laut Listen mit 9 Tonnen zu Buche, allein 80 Tonnen Akten kamen hinzu (siehe Ausriss rechts unten). "Das Verwaltungspräsidium wird prüfen, ob für das Bergwerk Asse der Sonderschutz nach Artikel 8 der Haager Konvention vom 14. Mai 1954 in Anspruch genommen werden kann", so der Chef des Niedersächsischen Staatsarchivs. Die Konvention sollte als Konsequenz der Kriegszerstörungen den Schutz von Kulturgütern im Krisenfall regeln.
Im zweiten Stock des Speichers Nummer 1 öffnet der Archivleiter einen der Kästen und zieht Dokumente aus braunen Umschlägen. "1488, vom Administrator der Kirchen Magdeburg und Halberstadt", sagt er. Auch Briefe Friedrichs des Großen und Einsteins liegen im Archiv, dazu die Heiratsurkunde der Kaiserin Theophanu von 972. "Sie gilt als die schönste Urkunde des europäischen Mittelalters", sagt Bei der Wieden.
Doch niemand wird 288 Kisten mit Urkunden und weitere Akten auf Paletten laden. Im Wolfenbütteler Archiv stehen längst blaue "Notfallboxen" mit Gummistiefeln, Werkzeug und Folien an den Türen. 1972 wollte die Politik vom Auslagern plötzlich nichts mehr wissen. Stattdessen sollten nun Schutzräume und Deckenverstärkungen in den Archiven das Schlimmste verhüten. "Der Bund dürfte für die Finanzierung zuständig sein", hieß es gutgelaunt in einem Vermerk nach der 35. Konferenz der Archivreferenten von Bund und Ländern. Dabei hatte die Asse bereits im 2. Weltkrieg als Schutzraum für Kulturgüter gedient.
Zwar berät Ungers Bundesamt immer noch über "Bergungsorte" für Kulturgüter. Nach der Haager Konvention ist die Behörde für den Schutz von Kulturgütern im Krieg zuständig. "Wir setzen auf die Mikrofilme. Das ist auch eine Frage der Kosten und Realisierbarkeit von Auslagerungen", sagt Unger aber. Auch Bibliotheksgut, seltene Bibeln zum Beispiel, sollten digitalisiert und verfilmt werden.
Von der Möglichkeit, Gebäude mit Kulturschätzen durch blau-weiße Schilder nach Haager Konvention als tabu zu kennzeichnen, macht der Bund zwar beim Schwarzwald-Stollen Gebrauch – gleich mit drei der Rautenzeichen. Niedersachsen aber denkt offenbar gar nicht daran, eine Kennzeichnung etwa für das Wolfenbütteler Archiv anzuordnen. "Jeder würde doch fragen, was das soll, schließlich steht keine Armee vor der Tür", sagt ein Fachmann.
Das Bundesforschungsministerium hatte in der Diskussion um die Einlagerung von Kulturgütern immerhin schon im April 1969 gemahnt, es müssten außer dem Strahlenschutz "vor allem die künftigen Einlagerungen in der Asse ausreichend berücksichtigt werden". Die Fachleute schienen zu ahnen, dass die Asse und unersetzliche alte Urkunden keine gute Kombination sein würden.













