So viel Disziplin brauchen Kinder
Bernhard Bueb plädiert für Verzicht und Regeln Diethelm Krause-Hotopp setzt auf Vertrauen und Zutrauen
BRAUNSCHWEIG. Wieviel Verzicht und Disziplin brauchen Kinder und Jugendliche heute? In der Pädagogik tobt darüber ein heftiger Streit. Zwei Vertreter extrem unterschiedlicher Auffassungen fochten darüber in Braunschweig.
Dr. Diethelm Krause-Hotopp vom Institut für Schulpädagogik und allgemeine Didaktik der TU Braunschweig ist mit Vorwürfen nicht zimperlich: "Hunde-Dressur", "Grabesruhe", "Militär-Pädagogik" das sind nur einige der Anwürfe, mit denen er seinen Gesprächspartner überzieht.
"Ich finde mich in dieser Darstellung überhaupt nicht wieder", kontert Bernhard Bueb, langjähriger Leiter des Internats Schloss Salem und Autor der vieldiskutierten Streitschrift "Lob der Disziplin".
Was er denn meint? Vor allem dies: Kindern fehlt es heute an Erziehung, weil Eltern diese verweigern. Mehr noch: Durch Überfluss und Verziehung werden sie zu kleinen Tyrannen, mit denen man keine Gemeinschaft mehr aufziehen kann. Damit nicht genug: Jegliche Schutz- und Schonräume für Kinder sind heute aufgehoben, sie sind zum Beispiel Medien, Konsum und Geschäftemachern ausgeliefert.
Bueb: "Erziehung findet nicht statt. Wir haben keinen Konsens darüber." Buebs Rezepte: Verzicht, Regeln, Kontrollen und wenn es sein muss Strafen.
Da passt Krause-Hotopp und etlichen im Publikum beim Streitgespräch der Reihe "Zukunftsfragen kontrovers" die ganze Richtung nicht. Neokonservativ sei das, Teil einer Kampagne gar "zum optimalen Funktionieren von Menschen im neoliberalen Kapitalismus", lautet eine These.
Krause-Hotopp kann so etwas nicht durchgehen lassen. Er sieht bei Leuten wie Bueb die Demokratie in Gefahr. Selbstbestimmung, Mitbestimmung das sei das richtige Training für die Demokratie. Schön sei es, wenn die Kleinen gemeinsam Regeln festlegten und diese dann auch einhielten. Man müsse Kindern und Jugendlichen Zeit und Raum geben und Gelegenheiten, Dinge falsch machen zu können.
Das bleibt Bueb zu allgemein, zu unkonkret, eine Art Kuschel-Pädagogik. Er hat es gern härter, plädiert für das "Glück der Anstrengung". Die müsse man abfordern: "Das wollen sie, das brauchen sie, danach sehnen sie sich." Der Erwachsene, der führt und Grenzen setzt, erzieht eben fürs ganze spätere Leben, in dem man auch nicht immer alles haben kann.
Einige nicken im Publikum, anderen wird sichtlich unwohl. Krause-Hotopp fehlt jegliches Verständnis für eine Pädagogik, die auf Kontrollen und nicht auf Vertrauen setzt. Von Bueb wieder einmal aufgefordert, konkreter zu werden, bricht es aus ihm heraus: "Ich bin jedenfalls gegen verdachtsunabhängige Urin-Proben."
Solche Kontrollen fordert Bueb tatsächlich im Kampf gegen Drogenkonsum Jugendlicher. "Das ist keine gelebte Demokratie", wettert Krause-Hotopp. Freunde werden diese beiden nicht mehr.
Bernhard Bueb: "Ich will ein Gegengewicht zur Nicht-Erziehung schaffen." Diethelm Krause-Hotopp: "Ich muss Kindern vertrauen und Zutrauen zu ihnen haben."













