Fast wie auf einer wilden Müllkippe
Ein Besuch im Versuchsendlager Asse II mit Umwelt-Staatssekretär Stefan Birkner
REMLINGEN. Einige schmutzig grau verkrustete Fässer sind im Kunstlicht gut auszumachen, der Rest liegt irgendwo in der Tiefe. Kaputt, durchgerostet, wer weiß das schon. "Verheerend", sagt Staatssekretär Stefan Birkner.
Ausgerechnet Birkner, von Haus aus durch und durch korrekter Jurist, muss seit Wochen in den Abgründen bundesdeutscher Endlagerpolitik wühlen.
In der Asse lagert Atommüll. Das Bergwerk gilt als einsturzgefährdet, Salzlauge läuft herein, und zu allem Überfluss wurde bekannt, dass abgestandene Laugentümpel mit Cäsium belastet sind – hoch über dem Grenzwert. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt, und nun will auch Birkner mit eigenen Augen sehen, was in dem Bergwerk vor sich geht. Kann man den Atommüll sicher verschließen, und wie? Kann man ihn wieder herausholen?
Nach Chaos sieht es nicht aus, nicht auf den ersten Blick jedenfalls. Jene 12 Fässer zum Beispiel, mit denen angeblich illegal weiter Versuche mit Atommüll laufen, stehen akkurat aufgereiht in rund 500 Metern Tiefe. Zementblöcke mit Uran, Cäsium und Neptunium stehen darin in Salzlauge.
"Cäsium ist leicht löslich", beschreibt Herbert Meyer, Strahlenschützer des Asse-Betreibers Helmholtz-Zentrum München. Das ist eine Erkenntnis des Langzeit-Versuchs. Mehr von den Problemen der Asse ahnt man in einem engen Gang in 637 Meter Tiefe. Schon vor einem Jahrzehnt haben die Bergleute Betonpfeiler eingezogen, um die Salzformationen zu stützen. Eisenstreben sind unter dem mächtigen Druck verbogen. Asse-Schließungsleiter Gerd Hensel zeigt auf armdicke Risse in der hellglitzernden Salzwand. Die Verformungen, Verwerfungen und Verschiebungen sind die Ursache dafür, dass Laugen ins Bergwerk fließen, sagen die Bergleute. Birkner sieht auch den riesigen Stahlbottich, in dem die meiste Lauge aufgefangen wird. Die Kammern mit Atommüll wiederum müssen dringend vor diesen Laugen geschützt werden. Vor Kammer 12 stehen vier graue eckige Container. "Radioaktiv", steht warnend auf einem gelben Band.
In tiefere Lagen des Bergwerks abgepumpt werden darf die cäsiumhaltige Lauge nämlich nicht mehr, Birkner hat es untersagt. Und so dümpelt sie nun in Containern vor sich hin und wartet. So wie alle.
Denn die große Asse-Frage ist ja, was mit dem Müll wird. "Beim schwach radioaktiven Atommüll müsste man das vielleicht mit den Händen herausholen", warnt Helmholtz-Sprecher Heinz-Jörg Haury. Ohnehin gilt beim Helmholtz-Zentrum die Devise, dass schon aus Strahlenschutzgründen für die Mitarbeiter allenfalls die mittelradioaktiven Stoffe zurückgeholt werden könnten. Diese Fässer sind leichter zugänglich. "Da können wir mit Sicherheit rangehen", sagte Asse-Leiter Günther Kappei.
Geht es nach dem Asse-Betreiber, werden die porösen Strukturen des Bergwerks aber mit einem "Schutzfluid" stabilisiert und die Asse möglichst schnell geschlossen. Das jedenfalls haben sie beantragt.
Es ist die Kammer 7, in der dem Besucher Birkner wohl besonders deutlich wird, welche Altlast Bund und Land da am Hals haben. "Versturztechnik" nannte sich das Abkippen der Fässer – fast wie auf einer wilden Müllhalde. Stapeln wäre zu gefährlich für die Mitarbeiter gewesen, heißt es. Der Staatssekretär ist höflich. Er schüttelt nicht einmal den Kopf.













