"Wir waren einfach zu gutgläubig"
In den Dörfern rund um das Atommülllager Asse II breiten sich Angst und Verzweiflung aus
REMLINGEN. Die 38-jährige Beatrix Schneider ist vor neun Jahren mit ihren drei Kindern aus Braunschweig in das Remlinger Neubaugebiet gezogen. Nun würde sie am liebsten wieder wegziehen. Der Grund: Die Vorgänge im benachbarten Atommülllager Asse II.
Eindringendes Wasser, Instabilität des Bergwerkes die Angst geht um in den Asse-Dörfern rund um die Schachtanlage.
Der 70-jährige Wolfgang Dübner klagt: "Wir sind Jahrzehnte von den Asse-Betreibern für dumm verkauft worden." Schon 1945/46, erinnert er sich, sei Wasser aus der Asse herausgefahren und in den Bach "Hölle" gekippt worden. Das habe er beim Kühehüten auf dem Schachtgelände beobachtet.
"Zwei andere Asse-Schächte sind auch abgesoffen. Warum sollte in Asse II eine trockene Lagerung von Atommüll möglich sein?", fragt der 62-jährige Rentner Rüdiger Ruhkopf. "Nach dem Ende des Salzbergbaus haben wir uns zunächst über die Arbeitsplätze am Schacht gefreut", erinnert sich die 57-jährige Hausfrau Sieglinde Eberhard. Die Gefahren, die von dem Atommüll ausgehen, habe man damals nicht gesehen. "Uns wurde immer gesagt, das sei ein nur ein Forschungsbergwerk. Wir waren einfach zu gutgläubig."
"Wir erleben Angst, Verzweiflung und eine steigende Ohnmacht", sagt Wittmars Pfarrerin Kirstin Müller. "Wir leben hier gern und wollen das auch in Zukunft tun aller Angst zum Trotz. Gleichzeitig erwarten wir von der Wirtschaft und der Politik, dass alles getan wird, um die Lebensqualität hier zu erhalten."
Das Freizeit- und Bildungswerk Asse, ein Tagungszentrum am Asse-Rand in Denkte, leidet ebenfalls unter den Vorfällen. "Immer häufiger erhalten wir Anrufe von besorgten Eltern aus ganz Deutschland, die ihre Kinder zu uns schicken wollten", sagt der Zentrumsleiter Karl-Heinz Mühe: "Es geht bei uns schon langsam um die Existenz."
Sorgen um ihr Leben, die Gesundheit ihrer Kinder sowie den Wert ihrer Immobilien machen sich viele Remlinger. Die Sozialarbeiterin Ulrike Kollnischkies-Thiel hat in ihrem Garten ein gelbes "A" aufgestellt, als Zeichen dafür, dass hier jemand wohnt, der auf die Asse aufpasst. Dankbar ist die Mutter zweier Kinder ihrer Nachbarin Heike Wiegel und der Atom-Klägerin Irmela Wrede aus Groß Vahlberg: "Die haben dafür gesorgt, dass sich jetzt die Politik um das Thema kümmert."
Der 21-jährige VW-Mitarbeiter Christian Maiberg drückt aus, was in den Asse-Dörfern viele denken: "Ich möchte hier in der schönen Gegend eigentlich mein Leben verbringen. Aber ich bin sehr beunruhigt."
Bürgermeister Günter Warnecke muss täglich Fragen besorgter Bürger beantworten. Dabei wird er selbst nur unzureichend informiert, wie er sagt. "Ich wünsche mir, dass das Leben in dieser wunderschönen Umgebung lebenswert bleibt." Doch dazu wird ein Schließungskonzept für das Atommüll-Lager benötigt, das die Menschen in den Asse-Dörfern mittragen können.
Die geplante Flutung des Bergwerks lehnen die Dorfbewohner ab. Und sie gehen noch weiter. "Es ist unverantwortlich, weiter auf Atomkraft zu setzen", erklärt der 64-jährige Schlosser Viktor Burawski beim Gespräch mit seinen Nachbarn. Sein Blick geht dabei besorgt in Richtung des Asse-Bergwerks.













