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04. Februar 2012
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"Ich hab’ zugeschlagen, wenn mich einer schräg angeguckt hat"

Verurteilte Jugendliche reden vor Schülern über ihre Straftaten – Projekt der Jugendbewährungshilfe Salzgitter

Von Cornelia Steiner

SALZGITTER. Markus und Benny wollten Cannabis und Alkohol kaufen, aber sie hatten kein Geld dafür. Also versuchten sie, in einen Kiosk einzusteigen und schlugen die Verkäuferin mit einer Schreckschusspistole nieder. Das liegt erst wenige Monate zurück, und die beiden 17-Jährigen wären fast im Gefängnis gelandet.

Stattdessen stehen sie nun unter Bewährung, gehen in Schulklassen und reden über ihre Taten. Das Ganze ist ein freiwilliges Projekt der Jugendbewährungshilfe Salzgitter, organisiert von Bewährungshelfer Manfred Patzer, der angehenden Bewährungshelferin Svenja Jagnow und Jannis Mouratidis, Student für Soziale Arbeit an der Fachhochschule Hildesheim.

In den Schulen vermitteln junge Straftäter wie Markus und Benny, was es bedeutet, mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen. Sie warnen andere davor, die gleichen Fehler zu machen.

*

Fast 80 Jungen und Mädchen sind in der Aula der Realschule Salzgitter-Bad zusammengekommen. Sie tuscheln, kichern.

Ganz vorn sitzen Markus und Benny. Markus beißt auf seiner Lippe herum, Benny stützt seine Ellbogen auf die Beine und blickt zu Boden. Auch Ali ist heute dabei; er hat mehrfach Schüler erpresst.

Eine Schülerin fragt: "Sind die drei freiwillig gekommen, oder müssen sie das machen?"

Manfred Patzer: "Sie sind freiwillig hier. Das verlangt viel Mut." Die Schüler applaudieren.

Patzer: "Die drei hier sind Straftäter. Sie haben Haft noch nicht kennengelernt, aber mit einem Bein sind sie drin. Markus, Benny, Ali, stellt euch doch bitte kurz vor."

Ali hängt lässig auf seinem Stuhl, grinst. "Ich bin der Ali..." Einige Schüler lachen laut.

Ali blafft sie an: "Was gibt’s zu lachen?" Ruhe. Patzer hakt nach: "Alis Frage ist berechtigt. Warum lacht ihr?"

Ein Schüler antwortet: "Die anderen beiden schauen konzentriert. Aber Ali macht den Eindruck, als ob ihn das alles gar nicht interessiert."

Patzer: "Ja, Ali versucht gerade, cool zu sein. Aber stell dir mal vor, du müsstest hier vor allen sitzen und über Straftaten reden. Das ist nicht einfach. Ali ist seit neun Monaten bei mir, und seitdem hat er keine Straftat mehr begangen."

Ali hat sich beruhigt. "Ich hab’ Leute abgezogen", sagt er.

Patzer: "Wisst ihr, was das bedeutet?" Eine Schülerin: "Dass er sie beklaut hat?"

Patzer: "Genau. Ali, erzähl’ doch mal ein Beispiel."

Ali: "Ich wollte von einem Jungen eine Zigarette haben. Er hat mir keine gegeben. Ich wurde ein bisschen lauter und hab sie mir genommen."

Patzer: "Das war kein Einzelfall. Ali hat eine Haftstrafe von einem Jahr und drei Monaten bekommen, die auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurde. Ali, welche Auflagen hast du denn bekommen?"

Ali: "Ich hab’ zwei Tage Jugendarrest bekommen und 100 Arbeitsstunden. Bei einer Moschee musste ich saubermachen, nach der Schule und am Wochenende."

*

Alle zwei Wochen treffen sich Manfred Patzer, Svenja Jagnow und Jannis Mouratidis mit den verurteilten Jugendlichen. In diesen Runden fühlen sie sich sicherer als vor Schulklassen. Sie reden über ihre Straftaten, über den Umgang mit Alkohol oder die Folgen einer Körperverletzung für die Opfer.

Sie sprechen auch über ihren Alltag. Ali erzählt zum Beispiel, dass er in der Schule für eine Arbeit über psychische Gewalt eine Eins minus bekommen hat. Der 17-Jährige besucht die Berufsbildende Schule, Fachrichtung Farbe und Holztechnik. "Das mit der Abzocke wird nicht mehr vorkommen. Wenn die sagen: Ali ist ein Angsthase – sollen die es doch sagen. Ich geh’ nicht in den Bau. Ich will meinen Abschluss kriegen. Ein Jahr noch, dann habe ich hoffentlich den Hauptschulabschluss, danach mache ich den Realschulabschluss."

Diese Worte klingen optimistisch. Zu optimistisch?

Manfred Patzer ist seit 25 Jahren Bewährungshelfer. "Ich lege für niemanden die Hand ins Feuer", sagt er. Die Erfolgsquote liegt bei 60 bis 70 Prozent. Erfolg heißt: Die Jugendlichen begehen keine neuen Straftaten. Ali sieht er auf dem richtigen Weg.

Einer, der es wohl geschafft hat, ist Gökhan. "Er hat sich um 180 Grad gedreht", sagt Patzer.

Gökhan ist 22, er kommt immer noch zu den Treffen. Vor zehn Jahren hat er mit Schlägereien angefangen. Mehrmals stand er vor Gericht. "Wenn mich einer schräg angeguckt hat, bin ich durchgedreht und hab’ zugeschlagen. Mir hat’s gefallen, wenn die Leute vor mir Angst hatten. Ohne Manfred wär’ ich längst im Knast gelandet."

Inzwischen hat er seinen Realschulabschluss nachgeholt und besucht die Fachoberschule. Er will Architektur studieren, vielleicht aber auch Koch werden. In einigen Monaten heiratet er seine Verlobte. "Sie hat viel dazu beigetragen, dass ich mich verändert habe. Die Schlägereien haben mir nur Probleme gebracht – ich schäme mich dafür. Es gibt kein besseres Gefühl, als seine Eltern stolz zu machen, indem man etwas Gutes erreicht. "

Warum Gökhan auf die schiefe Bahn kam? Als er elf war, wurde sein Vater zum Pflegefall und sitzt seitdem im Rollstuhl. Früher sind die beiden oft zum Angeln gefahren, der Vater hat ihn immer zur Schule gebracht. "Ich konnte mit der neuen Situation nicht umgehen. Plötzlich hatte ich keinen Erzieher mehr, keinen Ansprechpartner. Das hab’ ich draußen gesucht. Ich wollte zeigen, dass ich der Boss bin."

In fast allen Fällen liegt die Ursache für Straftaten im Elternhaus, sagt Manfred Patzer. "Vieles sind jugendtypische Delikte, aber ganz oft fehlen Liebe, Anerkennung, Geborgenheit."

Die Freunde Benny und Markus zum Beispiel haben gehörlose Eltern. Ihnen hat selten jemand zugehört. Nie haben sie gelernt, über ihre Gefühle, Wünsche und Probleme zu reden. Beide mussten die Gebärdensprache lernen und für ihre Eltern dolmetschen. "Das hat Stress erzeugt, den sie anderswo abgelassen haben", so Patzer.

Das Amtsgericht Salzgitter hat sie zu Haftstrafen verurteilt. Doch Markus und Benny gingen erfolgreich in Berufung; das Landgericht Braunschweig setzte die Haftstrafen zur Bewährung aus. Sie mussten Arbeitsstunden bei der Tafel leisten und mehrmals unangekündigt Urinproben abgeben – Alkohol und Drogen sind tabu.

Die Gruppenarbeit bei Manfred Patzer ist für Markus und Benny verpflichtend. Außerdem haben sich die beiden bei der Verkäuferin entschuldigt, die sie niedergeschlagen hatten. Die Frau hatte eine Platzwunde und ein blaues Auge davongetragen.

*

In der Aula der Realschule Salzgitter-Bad zeigt Manfred Patzer einen Film über Deutschlands größtes Jugendgefängnis in Hameln. Die Schüler haben viele Fragen: Darf man im Gefängnis fernsehen, wann man will und was man will? Darf man jederzeit mit Freunden telefonieren? Steht beim Duschen immer ein Justizvollzugsbeamter dabei?

Manfred Patzer antwortet ausführlich, danach will er wissen, was bei den Jugendlichen hängen bleibt. Sie zögern, viele sind nach den zwei Stunden unaufmerksam. Doch Patzer bleibt hart. "Ich hab’ gesehen, wo ich nicht hin will", sagt schließlich ein Schüler. Ein Mädchen ergänzt: "Wir haben hier die Chance auf Bildung. Das ist doch voll blöd, wenn man das nicht wahrnimmt."

Montag, 05.01.2009
Quelle: http://www.newsclick.de/index.jsp/artid/9667326/menuid/7534512
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