"Da hat ja keiner drüber nachgedacht"
1999 wurde bei Eckbert Duranowitsch Leukämie festgestellt – Er hat in der Asse gearbeitet
Wolfenbüttel. Seit Januar soll das Bundesamt für Strahlenschutz für mehr Sicherheit in der Asse sorgen. Frühere Mitarbeiter fürchten, dass sie die Zeche für Versäumnisse zahlen müssen – mit ihrer Gesundheit.
Fast zehn Jahre sind vergangen, doch Eckbert Duranowitsch klingt die Frage immer noch im Ohr. "Hatten Sie mit Radioaktivität zu tun?" Damals, 1999, saß Duranowitsch in einem Krankenhauszimmer an Braunschweigs Celler Straße.
Nun hockt er am Tisch seines Wohnzimmers, Aktenordner neben sich. Ein großes gelbes "A" hängt am Zaun des kleinen schmucken Hauses in Wolfenbüttel. A für Asse, A für Aufpassen.
An jenem Januartag im Krankenhaus wurde bei Duranowitsch Leukämie festgestellt. Duranowitsch hat von 1987 bis 1990 in der Asse gearbeitet. Leukämie, das alleine ist ja schon Tragödie genug. Doch was Duranowitsch zusätzlich quält, ist seine Überzeugung, dass die Asse ihn krank gemacht hat. "Das ist doch kein Zufall", sagt er.
"Herr Eckbert Duranowitsch war mit geotechnischen Instrumentierungsarbeiten in der Schachtanlage Asse betraut", heißt im Zeugnis des Forschungszentrums für Umwelt und Gesundheit vom April 1990, damals für das "Forschungsbergwerk" Asse zuständig.
Das klingt fast klinisch rein, nicht nach verrottenden Fässern mit Atommüll und Laugensümpfen. Dass Laugen später unter anderem hoch mit Cäsium verstrahlt waren, löste den Asse-Skandal aus. Die Grenzwerte für Tritium wurden laut Messlisten schon vor 1990 überschritten.
"Wir haben überall im Grubengebäude Messinstrumente installiert", sagt Duranowitsch über seine Arbeit unter Tage. Duranowitsch und seine Kollegen packten Sonden in Bohrlöcher, sie installierten Druckgeber. "Man wollte ja wissen: Hat das Gebirge sich bewegt?", erinnert sich der gelernte Maschinenschlosser und Bautechniker.
Schließlich sollten im Landkreis Wolfenbüttel knapp 126 000 Fässer mit Atommüll sicher lagern. Sie waren teilweise schon bei Anlieferung beschädigt. Langsames Durchrosten war sogar einkalkuliert. Denn Sicherheit sollte ja das Salz bieten, das den Müll hunderte Meter unter der Erde für immer einschließen sollte. Doch seit Jahrzehnten fließen Laugen in das Bergwerk.
Er sei im gesamten Grubengebäude unterwegs gewesen, erzählt Duranowitsch. "Ich war in allen zugänglichen Kammern, auch mit Atommüll. Zu einer Messstelle mussten wir mit dem Boot über einen Laugensumpf fahren, da kam man sonst gar nicht hin."
Um Zement zu mischen, hätten er und Kollegen Bergwerkslaugen verwendet. Schutzkleidung hätten sie nicht getragen. "Ich kann mich auch nicht erinnern, dass ich einmal ein Dosimeter hatte." Eine Dokumentation habe er nie gesehen. "Da hat ja keiner drüber nachgedacht, ich ja auch nicht", sagt er. Die Strahlung unten sei geringer als die natürliche über Tage, habe es geheißen. Eine jährliche Strahlenschutzuntersuchung habe es gegeben, das schon. "Ein paar Minuten hat das gedauert", sagt der 46-Jährige.
Beim Helmholtz-Zentrum München, bis Ende 2008 Betreiber der Asse, ist der Fall bekannt. "Duranowitsch war vorsorglich als beruflich strahlenexponierte Person der Kategorie B eingestuft wie alle anderen Mitarbeiter, die untertägig beschäftigt waren", sagt Helmholtz-Sprecher Heinz-Jörg Haury.
Kontakte mit Lauge habe Duranowitsch laut Nachfrage bei ehemaligen Arbeitskollegen nicht gehabt. "Seine Hauptaufgabe war die Instrumentierung von Versuchsfeldern ohne Radioaktivität", so der Helmholtz-Sprecher. Die Arbeiten vor den Einlagerungskammern hätten sich auf das Ablesen gebirgsmechanischer Messwerte bezogen.
"Die Aufenthaltszeit von Herrn Duranowitsch vor den Einlagerungskammern, bezogen auf seine gesamte Arbeitszeit bei der Asse, wird auf rund eine Stunde geschätzt", sagt Haury. Direkten Umgang mit radioaktiven Stoffen habe Duranowitsch nicht gehabt, in Bereiche mit radioaktiven Stoffen sei er nicht gekommen.
"Eine Stunde? Woher er das wohl weiß?", fragt Duranowitsch.
Jene Asse-Mitarbeiter dagegen, die bis 1978 Atommüll einlagerten, wurden als Kategorie A geführt. Ihre Kleidung sei regelmäßig auf Kontamination geprüft worden, die Dosimeter seien von Dritten ausgewertet worden. "Auch Duranowitsch musste Dosimeter tragen, wenn er im Kontrollbereich war", sagt Haury. "Das waren speziell ausgewiesene Bereiche, die auch gesondert und auffällig gekennzeichnet waren." Die Ergebnisse der Dosimeter-Messungen lägen in Listen noch vor. "Herr Duranowitsch hat keine messbare Dosis abgekriegt", betont der Helmholtz-Sprecher.
Dagegen sagt ein früherer Kollege von Duranowitsch: "Wir haben keine Dosimeter gehabt."
In einer Anweisung des Bergamts Goslar vom August 1990 heißt es: "Das ständige Tragen der Filmdosimeter ist außerhalb von Kontrollbereichen grundsätzlich nicht erforderlich."
Und das ist das Dilemma in der Asse-Geschichte: Als Forschungsbergwerk sei die Asse nach Recht und Gesetz betrieben worden, sagen die Betreiber. Im Asse-Bericht des Landes von 2008 heißt es denn auch: "Die Maßnahmen zur Ermittlung der Personendosis und zur Emissionsüberwachung sind angemessen." Aber sie entsprächen eben nicht dem in kerntechnischen Anlagen üblichen Standard.
"Es wurde festgestellt, dass in der Asse viele Jahre mit radioaktiver Lauge ohne die erforderliche strahlenschutzrechtliche Genehmigung umgegangen wurde", so das Landesumweltministerium.
Seit Januar betreibt deshalb das endlager-erfahrene Bundesamt für Strahlenschutz die Asse. Für die Zukunft heißt das zum Beispiel: "In der allgemeinen Strahlenschutzanweisung ist eindeutig festzulegen, welche Anlagenbereiche zum Kontrollbereich, Überwachungsbereich und allgemeinem Staatsgebiet gehören." Dies sei bisher in sich nicht konsistent.
Der Grünen-Fraktionschef im Landtag, Stefan Wenzel, argwöhnt: "Die Belastung der Mitarbeiter ist insbesondere bei Alpha- und Beta-Strahlern offenbar völlig unzureichend dokumentiert."
Der frühere Betreiber weist solche Vorwürfe zurück. "Das persönliche Schicksal trifft uns natürlich sehr", betont Sprecher Haury. Ein Krebs-Kataster habe man nicht geführt. "Uns sind in der gesamten Zeit sechs Krebstodesfälle bekannt geworden." Das heiße nicht, dass es nicht mehr gebe. Aber für eine aussagekräftige Statistik sei die Zahl der Mitarbeiter viel zu gering.
"20 bis 30 Prozent der Menschen in Deutschland sterben an Krebs", sagt Haury noch. Das soll heißen: Wie in jeder Gruppe treten eben auch bei Asse-Mitarbeitern Krebserkrankungen auf.
Als die Diagnose kam, war Duranowitsch Bauleiter in Hannover. Schlapp hatte er sich gefühlt. "Das hat mein Leben auf den Kopf gestellt", sagt er. Mehrere Chemotherapien habe er durchstehen müssen, Stammzellen vom Bruder hätten ihn gerettet. Sein Blutbild sei derzeit in Ordnung, sagt er. Doch er fühlt sich erschöpft und hat Angst, dass die Krankheit wiederkommt.
Duranowitsch hat von einem Todesfall gehört, einem ehemaligen Fahrer in dem Bergwerk, 1996 an Leukämie erkrankt, 2001 gestorben. "Die reden da nicht gern drüber", sagt Duranowitsch.
Eine systematische Auswertung von Erkrankungen, Krebs- und Leukämiefällen bei ehemaligen und heutigen Asse-Mitarbeitern sei nicht erforderlich, heißt es in einer Antwort der Landesregierung auf eine Anfrage des Grünen Wenzel im Landtag. Erkrankungen, die auf eine Strahlenexposition zurückzuführen seien, seien dem Landesbergamt von der Berufsgenossenschaft nicht gemeldet worden. Der Landesregierung seien keine Berichte über solche Fälle bekannt.
"Berufskrankheit Nr. 2402 – Erkrankungen durch ionisierende Strahlen" heißt es als Überschrift in einem Schreiben der Bergbau-Berufsgenossenschaft an Duranowitsch. Bei der Genossenschaft prüft man derzeit den Fall und die Stellungnahme des Helmholtz-Zentrums. "Mehr können wir dazu noch nicht sagen", sagt der zuständige Mitarbeiter.
Im Arbeitszeugnis für Duranowitsch steht, er habe die Arbeiten in der Asse zur vollsten Zufriedenheit erledigt.













