Musik verbindet die Generationen
Schüler der Braunschweiger Christophorusschule singen mit Bewohnern des Altenpflegeheims Bethanien. Die Jugendlichen achten auf die Bedürfnisse der Älteren. Die Rentner genießen und schätzen die Abwechslung.
Es war einmal ein Zaun mit Stacheldraht obendrauf, der markierte eine Grenze zwischen der Braunschweiger Christophorusschule und dem Bethanien-Altenpflegeheim am Marienstift. Die Jungen und die Alten wollten voneinander gar wenig wissen. Sie äugten nur hin und wieder argwöhnisch durch die Maschen und warfen manch garstiges Wort hinüber.
So zogen die Jahre ins Land, bis eines Tages Christian Werner kam. "Dieser Zaun sah schrecklich aus und war völlig überflüssig", erzählt der Lehrer. "Der konnte so nicht stehen bleiben."
Er fand damals Menschen diesseits und jenseits des Zaunes, die das genauso sahen. Also rissen sie ein Loch in den Zaun, setzten ein Tor hinein und bauten einen Weg, auf dem man gut mit einem Rollator laufen kann. Und dann? Dann wurde freilich nicht alles auf einen Schlag rosarot im Miteinander der Generationen.
Aber das Tor stand offen – der erste Schritt war getan. Seitdem laufen Bewohner des Altenheims oft über das Schulgelände zum nächsten Supermarkt. Oder sie kommen in die Schule, weil sie Mitglied der Band oder der Technik-Arbeitsgruppe sind.
Einige Jugendliche wiederum gehen regelmäßig ins Altenheim. Sie besuchen in der Pause ihre Lieblings-Oma und reden mit ihr über Gott und die Welt, über die Vergangenheit und den Schulalltag. Sie informieren sich im Heim auch über Pflegeberufe. Oder sie kommen zum wöchentlichen Singkreis – das ist der Höhepunkt der gemeinsamen Zeit.
Erika Smidt ist jedes Mal mit dabei. Die 63-Jährige sitzt im Rollstuhl. Ihre Beine spielen nicht mehr mit, deswegen wohnt sie hier im Altenheim. Sie hat einen Computer mit Internetanschluss, ist Amateurfunkerin und lässt sich seit einigen Wochen in der Technik-AG von Jugendlichen beibringen, wie ein Mischpult bedient wird.
"Mit den Schülern kommt endlich mal junges Volk in unseren Seniorenbunker", sagt sie mit einem kräftigen Augenzwinkern. "Hier wird zwar viel angeboten – Gedächtnistraining, Malen oder Kegeln. Aber die Jugendlichen sind doch eine ganz andere, wohltuende Abwechslung. Außerdem ist das Singen so wichtig. Es hilft, Schmerzen zu bewältigen. Es hält gesund."
Zum Singkreis im Saal des Altenheims treffen sich jedes Mal etwa 40 Bewohner, unter ihnen etliche mit Demenz. "Viele sind in sich gekehrt und schauen nach unten", erzählt die 16-jährige Christiane Höper. "Aber beim Singen blühen sie auf. Sie singen alte Volkslieder wie Kein schöner Land‘ aus dem Gedächtnis mit. Und wir lernen mit ihnen neue Texte und modernere Lieder, zum Beispiel das Lied zur Fußball-WM von den Sportfreunden Stiller."
Wer will, bekommt die Texte in Großdruck und auch die Noten dazu. Erika Smidt verzichtet: "Wozu brauchen wir Noten? Wenn das einmal richtig vorgespielt wird, geht das auch so. Gemeinsam mit den Jugendlichen kriegen wir das ganz gut hin."













